In manchen Osterartikeln wird der Leser belehrt, unsere germanischen Vorfahren hätten eine Frühlingsgöttin „Ostara“ gehabt, nach der das Osterfest bei uns heute noch benannt sei. Das wird, als historische Tatsache verkündet. In Wirklichkeit ist der Sachverhalt nicht so einfach.

Eine Göttin Ostara ist aus den Quellen nicht belegbar. Vielmehr lebt sie als eine Vermutung Jakob Grimms. Er stützte seine Annahme auf eine Mitteilung des 674 in Northumberland geborenen Kirchenvaters Beda, wonach die Angelsachsen den April Eostur-monath nannten und diese Bezeichnung auf eine heidnische Göttin Eostre zurückführten, der zu Ehren im April Festlichkeiten veranstaltet wurden.

Ist Bedas Erklärung des Monatsnamens glaubwürdig? So fragte schon Grimm – und bejahte die Frage. Zudem glaubte er, eine Spur der Göttin auf dem germanischen Festland darin erblicken zu können, daß auch in althochdeutschen Sprachdenkmälern Bezeichnungen wie ôstarun und ôstar-mânôth vorkommen. Es hätte dann also der angelsächsischen Eostre eine festländische Göttin entsprochen, deren Name Ostara gewesen wäre.

Obwohl die Kritik an dieser Hypothese nicht ausblieb, waren manche Fachleute und viele Liebhaber des Volkstums von Grimms Vorschlag so überzeugt, daß sie an der Existenz der Ostara nicht mehr zweifelten. Zu den Wissenschaftlern, die Eostre-Ostara als germanische Göttin anerkannten, gehörte Friedrich Kluge. In seinem bekannten „Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache“ wird das Wort „Ostern“ so erklärt.

Der Sanskritforscher Leopold von Schroeder glaubt darüber hinaus auf eine Verwandtschaft der Eostre-Ostara mit der griechischen Eos, der römischen Aurora und der indischen Ushas hinweisen zu können.

Wie aber ist es dann zu verstehen, daß zwar Mittel- und Süddeutschland, entsprechend dem englischen Easter, den Ausdruck Ostern haben, nicht aber der nordwestdeutsche Raum, Wo man bis weit ins Mittelalter hinein Paschen sagte wie in den romanischen Ländern (anknüpfend an hebräisch pesach)?

In der Tat hat sich eine ganze Reihe von Forschern gegen die hypothetische Ostara ausgesprochen, früh schon Wilhelm Müller: Der Schluß von einer angelsächsischen Eostre auf eine kontinentale Ostara verbiete sich schon angesichts des mehr lokalen als gemeinschaftlichen Charakters germanischer Götter.

Doch auch die Existenz dieser angelsächsischen Eostre ist angezweifelt worden (von Weinhold, E. H. Meyer, Mannhardt und anderen). Man wies darauf hin, daß sonst von Monatsbezeichnungen, die auf Götternamen zurückgehen, nichts bekannt ist. Im Eostre-monath und ôstar-mânôth könne sich auch nur der Hinweis auf die östliche Himmelsrichtung verbergen (angelsächsisch easter, althochdeutsch ostar).

Es wäre damit auf den Zeitpunkt angespielt, wo die Sonne wieder genau im Osten aufgeht. Das würde sich zudem gut mit den Beschlüssen der 325 in Nicäa abgehaltenen Kirchensynode vertragen, nach denen das Osterfest am Sonntag nach dem der Frühlingsgleiche folgenden Vollmond zu feiern war.

Völlig verfehlt wäre es jedenfalls, wollte man in jedem „Osterberg“ gleich ein altes Heiligtum der Ostara vermuten; er ist viel zwangloser zu erklären als „der ostwärts gelegene Berg“.

Es ist kein leichter Entschluß, Bedas Göttin Eostre als eine Erfindung abzutun. Das sagt auch Karl Helm, der sich zuletzt mit dem gesamten Fragenkomplex beschäftigt hat. Anderseits soll nach Bedas Auskunft aber auch der angelsächsische Rhed-monath (März) nach einer einheimischen Göttin „Rheda“ benannt sein. Die aber ist nun bestimmt sehr rätselhaft. Philippson, der die Eostre der Angelsachsen anerkennt, nicht aber die festländische Ostara, äußert den Verdacht, daß Rheda eine Konstruktion ist.

Die Meinung, daß man zwar Eostre anerkennen sollte, nicht aber ihre festländische Kollegin Ostara, hat sich heute weitgehend durchgesetzt. Dann müßte unser Ostern angelsächsische Einfuhr sein. Es lag nahe, als Vermittler in erster Linie angelsächsische Missionare anzunehmen. Die Missionare werden keine heidnische Festbezeichnung propagiert haben. Sollten sie den Ausdruck mitgebracht haben, dürfte ihnen dann also sein Zusammenhang mit einer heidnischen Göttin (falls er überhaupt je bestanden hat) nicht mehr bewußt gewesen sein.

Überblickt man das Ganze, so bleibt nicht viel, was wir wirklich wissen. Bedas Eostre ist bereits problematisch. Auf keinen Fall wissen wir von ihr mehr als den Namen. Reine Spekulation sind bei solch dürftigen Unterlagen aber all jene Folgerungen, die aus späterem, weit über germanisches Gebiet hinausgreifendem Oster- und Frühlingsbrauch gezogen worden sind. Horst Sauer