Einen italienischen Verleger, der „Romane“ als Bilderserien herausgibt und dabei kitschige Liebesgeschichten und Räuberpistolen bevorzugt, hat der Drang zu Höherem (Geschäft) gepackt. Er ist auf den Einfall gekommen, die Bibel zu „verbildern“. Nun, nicht die ganze, aber immerhin die Schöpfungsgeschichte. Kirchliche Stellen in Italien haben das Unternehmen zuerst gutgeheißen und sich dann zum Teil wieder distanziert. Auxiliarbischof Monsignore Schiavini hatte sein christliches Imprimatur gegeben.

Aber nun ist das geschehen, was von Zeit zu Zeit in der Welt immer wieder geschieht – angeregt durch ein Buch, einen Film, ein Bild, ein Plakat: „Sittliche Empörung“ ist ausgebrochen. Diese Empörung, die zuweilen wie ein Exhibitionismus der Sittlichkeit wirkt, natürlich als höchst legal gilt und sich weitgehender, wenn auch zumeist dumpfer Anerkennung erfreut, hat auffällige Merkmale. Sie ist eher heftig, ja gewalttätig als ruhig, argumentationsfreudig und subtil,

Sie empört sich im neuesten Fall gegen die Umsetzung der Bibel in Fumetti. Fumetto heißt „Räuchlein“. Aus den Mündern der handelnden Personen, die von Schauspielern dargestellt und photographiert werden, steigen nämlich Rauchwölkchen (wir würden diese Dinger wohl „Blasen“ nennen; die Amerikaner sagen bubbles) auf, die sich zu Texten ordnen. So kann man den Leuten also am Munde ablesen, was sie sagen.

Auf einem dieser Bilder sieht man zum Beispiel den Sündenfall. Nein, nicht etwa das, was man mit sündiger Phantasie als Sündenfall bezeichnen könnte, sondern jenen symbolischen Akt mit dem Apfel. Eva, vom Hals bis zu den Schenkeln mit Blätter-„Textilien“ bekleidet, kauert sich vor Adam hin. Ihre Rechte legt sich (zärtlich, nicht krampfig) auf Adams rechten Unterarm. Dabei sieht sie ihn an, man weiß nicht so genau, sieht sie über den Apfel hinweg in seine etwas skeptischen Augen, oder sieht sie rechts oder links vorbei an diesem Gewächs, das er, in vorausgreifender Phantasie, als „großartige Frucht“ bezeichnet.

Sie sieht ihn lächelnd, erwartungsvoll und ungeduldig an: ganz Eva. Er, muskulös, lässig sitzend, trägt übrigens eine Art Badehose. Er hat noch nicht gebissen. Der Apfel ist zwar schon „an“, aber noch ganz.

Ein Teil der katholischen Geistlichkeit hat sich ebenso gegen die Verbilderung der Schöpfungsgeschichte (wenigstens jetzt) ausgesprochen wie das italienische Rabbinat. Fraglos ist auch die Serie, wie immer sie ausfallen mag, kein Triumph des guten Geschmacks. Sie mag schon, wie der „Osservatore Romano“ sich ausdrückte, in „platte und skurrile Bildsprache“ abgleiten. Aber vielleicht sollte man nicht mit – Raketen auf Spatzen schießen. Die Sittlichkeit ist immer leicht empört, wo der nackte Leib mit im Spiel ist.

Es ist doch auffällig, daß die sittliche Empörung auch dort ihre Stunde schlagen hört, wo es sich eindeutig nicht um Geschmacklosigkeit oder Pornographie handelt. Von Boccaccio und Aretino über Diderot (Jakob, der Fatalist) bis zu Genet führt die Straße der Empörung, die nicht immer viel mehr Argumente hat – als ihre Empörung.

Platte und skurrile Bildsprache? Gewiß. Aber wo müßte man da nicht ansetzen, wollte man, was die Plattheit betrifft, den Augiasstall unseres Jahrhunderts ausmisten? Vermutlich nicht beim Sündenfall und nicht beim Film „Die Sünderin“. Dean dort ist wenigstens eins weniger im Spiel, was zu den schweren Untugenden gehört: nämlich die Verlogenheit. René