Ein USA-Film nach dem Tagebuch ...

Eine Wohltätigkeitsveranstaltung der amerikanischen „Vereinigung für die Vereinten Nationen“ gab im Palace Theatre von New York den Rahmen für die Uraufführung jenes Films „Anne Frank“, den die „20th Century Fox“ nach dem mittlerweile weltweit bekannten Tagebuch des kleinen jüdischen Mädchens gedreht hat, das kurz vor der Befreiung im KZ Bergen-Belsen zugrunde ging.

Mehrere Monate dauerte die Reise des Regisseurs George Stevens (wir kennen von ihm den Film „Giganten“), um Zeugen der Tragödie der Familie Frank zu interviewen und die Schauplätze zu studieren. Denn hier bot sich an, was für die Bühne darzustellen kaum möglich ist: Über die enge Perspektive des Dachboden-Verstecks hinaus das unter der deutschen Okkupation leidende Amsterdam zu zeigen. Bei aller technischen Vollkommenheit – bemerkenswert ist vor allem die raffinierte, ins Detail gehende Kameraführung – hat der dramatische Gehalt des gleichnamigen Bühnenstücks nicht gelitten. Die Autoren des Bühnenstücks, Frances Goodrich und Albert Hackett, haben auch hier die Dialoge geschrieben, die menschliche Tapferkeit und Größe in einer unmenschlichen Zeit offenbaren.

Von der New Yorker Bühnenbesetzung wurden die Darsteller des Elternpaares Gusti Huber und Josef Schildkraut in den Film übernommen; sie verkörpern ihre Rollen hier ebenso eindringlich menschlich und gütig-weise. Die Anne Frank der Bühne aber schien für die Kamera zu alt. Eine mit dem historischen Original ungefähr gleichaltrige Darstellerin fand Stevens in der Debütantin Millie Perkins, die mädchenhaft scheu, lieblich und ergreifend frühreif wirkt, wenn ihr auch einzelne New Yorker Filmkritiker die geistige Spannkraft der Gestalt absprechen. Hier wird auch mehr als in der Bühnenrolle verlangt, denn das Schicksal der Anne Frank ist noch deutlicher, krasser in den Vordergrund gestellt worden.

Über das Gesamtwerk dieses nahezu dreistündigen, in seiner bescheidenen Art großen Films sind fast sämtliche Kritiker des Lobes voll – und so wäre es kein Wunder, wenn er eines Tages einen „Oscar“ erhielte. L. U.

... und Defa-Propaganda

Auch die Defa hat einen Film – einen Dokumentarfilm, wie sie es nennt – über Anne Frank gedreht. Es blieb den intellektuellen Parteigängern der SED vorbehalten, das Schicksal Anne Franks zur Verunglimpfung des politischen Gegners polemisch auszubeuten. Joachim Hellwig, ein junger begabter Regisseur aus der Schule der Dokumentenspürer Annelie und Andreas Thorndike, griff das Thema auf. Skrupellos wird auch in diesem Film wieder die Leinwand im Dienste negativer Propaganda gegen die Bundesrepublik mißbraucht, wie alle bisherigen Produktionen aus dem DEFA-Studio für Wochenschau- und Dokumentarfilm.