Die August Thyssen-Hütte AG, Duisburg-Hamborn, hat im Jahr der Stahlflaute ein gutes Stehvermögen gezeigt. Das jetzt vorgelegte Zahlenwerk über das Geschäftsjahr 1957/58 beweist erneut ihre über dem Durchschnitt des Reviers liegende Ertragskraft. Zwar haben sich auch bei der August Thyssen-Hütte die Erträge verringert, aber die Gesellschaft kann insgesamt wiederum über „befriedigende Erfolge“ berichten. Im Gegensatz zu anderen Stahlkonzernen hat es hier im vergangenen Jahre noch, wenn auch verringerte, aber immerhin Zuwachsraten gegeben. Der Vorstandsvorsitzende, Bergassessor a. D. Hans-Günther Sohl, betonte, daß das Ergebnis bei den Eisentöchtern Niederrheinische Hütte AG und Deutsche Edelstahlwerke AG „enttäuschend“ gewesen sei. Zwar verzichtete die Verwaltung darauf, genaue Angaben über die Organabrechnung zu machen, aber der Hinweis, daß die Eisentöchter zu dem Ergebnis der ATH „nicht beigetragen haben“, ist auch eine Aussage. Der Vorstand der Muttergesellschaft könne in diesem Jahre unter keinen Umständen mehr über die Ertragslage bei den Töchtern sagen, aber „vielleicht schon im nächsten“, lautete der Trost für die Altaktionäre der Thyssen-Hütte, die ganz sicher einen Anspruch darauf haben, zu erfahren, ob die Ertragsrechnung ihres Unternehmens durch die Organtöchter positiv oder negativ beeinflußt wird.

Im Berichtsjahr ist neben den Abschlüsser. der Tochtergesellschaften auch, das Exportgeschäft nicht sehr erfreulich gewesen. Die Exporterlöse lagen im vergangenen Jahre um 30 bis 40 v. H. unter den Erlösen von 1956/57. Es leuchtet ein, daß diese Entwicklung zu Buch schlägt, vor allem wenn man berücksichtigt, daß der Exportanteil am ATH-Umsatz mit 15 (14) v. H. sogar noch leicht gestiegen ist. Es müssen also erheblich mehr Mengen zu den schlechteren Exportpreisen abgesetzt worden sein als im Vorjahr. Dagegen hat allerdings die ATH, wie Vorstandsvorsitzer Sohl erklärt, konsequent darauf verzichtet, am Inlandsmarkt in die niedrigeren Preise anderer Länder einzutreten. Rabatte habe es bei der Thyssen-Hütte nicht gegeben. Offenbar hat diese Gesellschaft erfolgreich mit kurzfristigen Lieferterminen gegen die Rabattpraxis anderer Hüttenwerke taktiert. Das erfordert natürlich ein gewisses finanzielles Stehvermögen, hat sich aber bewährt.

Der Umsatz konnte im Berichtsjahre nochmals, und zwar um 16 v. H. auf 974 (833) Millionen DM ausgeweitet werden. Die Flachstahlerzeugnisse, auf die der größte Teil der Umsatzsteigerung entfällt, haben im Berichtsjahr ihren Anteil am Gesamtumsatz der Hütte auf 51 v. H. erhöht. Als Gründe für die Einengung der Erträge führt die Verwaltung neben dem Verfall der Exporterlöse vor allem die Kostenprogression an, die sich im Geschäftsjahr 1957/58 aus der geringeren Auslastung der Anlagen ergeben hat. Die gleichzeitig eingetretenen Kostenermäßigungen auf der Rohstoffseite, vor allem durch rückläufige Seefrachten und sinkende Schrottpreise, seien durch die erwähnte Kostenprogression aberdeckt worden.

So steht der immerhin recht ansehnlichen Umsatzsteigerung ein um 11,3 Mill. DM gesunkenes Betriebsergebnis in Höhe von 155,6 (166,9) Millionen DM gegenüber, das allerdings wegen der darin enthaltenen „enttäuschenden“ Organschaftsabrechnungen nur bedingten Aussagewert hat Die wieder 9 (9)prozentige Dividende (auf das erhöhte Aktienkapital von 310 Mill. DM) ist möglich geworden, weil die Abschreibungen auf 92,8 (137,0) Mill. DM zurückgeführt worden sind. Dagegen mußten nach Aufzehrung des steuerlichen Verlustvortrages erstmalig größere Ertragssteuerzahlungen geleistet werden. Steuern vom Ertrag und Vermögen, die im einzelnen nicht aufgegliedert wurden, sind mit 33,9 (18,5) Mill. DM ausgewiesen. Die Beibehaltung der Dividende ist nach den Angaben der Verwaltung nur auf Grund der Ermäßigung des Körperschaftsteuersatzes auf den ausgeschütteten Gewinn möglich gewesen; sie hätte sonst etwa um 2 v. H. unter dem Vorjahrssatz liegen müssen.

Die Produktionsergebnisse können im Vergleich mit anderen Teilen der Branche als ungewöhnlich gut bezeichnet werden. Die ATH hat ihre Rohstahlerzeugung trotz der rückläufigen Absatzmöglichkeiten wiederum steigern können. Sie überschritt im Berichtsjahr zum erstenmal die 2-Mill.-Grenze. Mit Niederrhein zusammen erreichte die Thyssen-Gruppe 2,7 Mill. t Rohstahl.

Du Investitionen sind im vergangenen Jahre auf 137 (177) Mill. DM zurückgegangen. Bereits im vorigen Jahre hatte die Verwaltung ausgeführt, daß der Wiederaufbau und Ausbau der Thyssen-Hütte beendet sei. Für die künftigen Investitionen bedarf es daher nicht mehr des ungewöhnlichen Tempos, das in den vergangenen Jahren erforderlich war. Das Investitionsprogramm der Hütte stellte sich seit dem Beginn des Wiederaufbaues bis zum Bilanzstichtag auf 896 Mill. DM. Davon waren ebenfalls bis zum Ende des Geschäftsjahres 750 Mill. DM verbaut. Das Unternehmen werde sich, so wurde auf der Pressekonferenz erklärt, bei seinen künftigen Investitionen an dem Maß der Abschreibungsmöglichkeiten orientieren.

Nach dem vorläufigen Abschluß der Großinvestitionen kündigt die Thyssen-Verwaltung nunmehr auch die Beendigung im Konzernaufbau der Gruppe an. Dazu wird allerdings die Einschränkung gemacht, daß sich diese Äußerung auf die Eisenseite beziehe! Im Laufe dieses Sommers, so hofft man bei der ATH, werde die Hohe Behörde die Übernahme der Phoenix-Mehrheit durch die Thyssenhütte genehmigen. „Wir hoffen zuversichtlich, daß sich keine Schwierigkeiten ergeben werden.“ Danach ist dann noch der Fall Siegerland zu klären. Bekanntlich steht der Mehrheitsübernahme an der Hüttenwerke Siegerland AG durch die Dortmund-Hörder Hüttenunion die 34,4-v.-H.-Beteiligung der ATH noch in; Wege. Aber wie Vorstandsvorsitzer Sohl erklärt, ist die Thyssen-Gruppe nach wie vor bereit, sich gegen entsprechende vertraglich gesicherte Lieferverträge von Siegerland zu trennen, aber das Arrangement soll aufgeschoben werden, bis Phoenix-Rheinrohr unter Dach und Fach gebracht worden ist. Dafür wird der HV vorgeschlagen, das noch genehmigte Kapital in Höhe von 60 Mill. DM um 80 Mill. DM zu erhöhen.