Von Hans Gresmann

Ein Oberst war es, der während der ersten Jahre des Aufbaues der Bundeswehr in der öffentlichkeit bekannter wurde als jeder andere Offizier dieser jungen Truppe. Mehr noch: Sein Name gab immer wieder das Stichwort, wenn es um die Frage ging, was denn – außer neuen Waffen und neuen Uniformen – wirklich neu sei an diesen neuen Streitkräften der Bundesrepublik.

Der Oberst hieß Graf Baudissin. Er war der erste Leiter der Unterabteilung „Innere Führung“ im Bundesverteidigungsministerium. Schon im Jahre 1952 (damals noch im Amt Blank) hat er eine Arbeit begonnen, die darauf abzielte, all das, was nach altem „Kommißbetrieb“ aussah, von vornherein in der Truppe zu vermeiden und statt dessen moderne und wirklich zeitgemäße Ausbildungs- und Führungsmethoden für die Bundeswehr zu entwickeln.

Im vorigen Sommer hat nun Graf Baudissin das Bundesverteidigungsministerium verlassen, um In Göttingen ein Truppenkommando zu übernehnen. Seither ist es stiller geworden um die Abteilung „Innere Führung“, und es gibt außerhalb der Bundeswehr gar nicht einmal viele Leute, die auf Anhieb den Namen ihres neuen Leiters zu nennen wüßten.

Fragt man die Eingeweihten, woran das liege, dann bekommt man zwei Antworten. Erstens, so heißt es da, sei es dem Obersten Henning Wilcke nicht so gegeben wie seinem Vorgänger Baudissin, nach außen zu wirken. Und zweitens sei jetzt auch eine Phase vorbei, in der man alles habe darauf anlegen müssen, in der Öffentlichkeit Interesse und Unterstützung zu finden für die neuen Wege, die in per Bundeswehr beschritten werden. Oder militärisch-schnodderig ausgedrückt: „Der Laden läuft.“ Man kann das Aushängeschild „Innere Führung“ geetrost aus dem Schaufenster nehmen und jetzt alle Energie darauf verwenden, daß die von Baudissin entwickelten und durchgesetzten Prinzipien in der Truppe auch tatsächlich angewendet werden.

Jahrgang 07

Sitzt man im Bonner Verteidigungsministerium in der Ermekeil-Straße dem Obersten Wilcke gegenüber, der in diesem Haus hinter der düsteren Fassade einer ehemaligen preußischen Polizeikaserne wie ein freundlicher Zivilist in Uniform wirkt, dann drängt sich im Gespräch sehr bald die Gretchenfrage auf: Wie hältst du’s mit dem Grafen? Und da zeigt sich dann, daß der Nachfolger mit dem Vorgänger offenbar nicht nur den Jahrgang (07) gemeinsam hat. Der Oberst mit dem Freundlichen Wesen und den durchdringenden hellblauen Augen läßt nicht den geringsten Zweifel daran, daß er seine Aufgabe darin sieht, die Linie zu halten, die vom Grafen Baudissin vorgezeichnet worden ist.