Von einem „breiten“ Anlageinteresse kann auf dem Aktienmarkt zur Zeit keine Rede sein. Das bestätigen auch die Investment-Gesellschaften, deren Absatz an Zertifikaten keineswegs mehr sensationell ist. Die Kursschwankungen und die mahnenden Hinweise einiger Banken haben das bedenkenlose Kaufen, wie es im Sommer und Herbst vergangenen Jahres zeitweise an der Börse üblich war, merklich gebremst. Auch das Ausland ist vorsichtiger geworden; dabei mag das „politische“ Risiko eine Rolle spielen. Es kennzeichnet aber die Verfassung des deutschen Kapitalmarktes, wenn trotz der schwächer gewordenen Kaufneigung die Kurse in den letzten Wochen stetig gestiegen sind und beispielsweise bei den IG-Farben-Nachfolgern vor Ostern einen neuen Höchststand erreichten. Die Unzahl neuer Investment-Gründungen, die sämtlich Aktien der BASF, von Bayer und Hoechster Farben in ihre Fonds nahmen, haben das flottante Material dieser sonst sehr breit gestreuten Papiere derart verknappt, daß Kurssprünge von 2 und 3 Punkten an einem Tag keine Seltenheit mehr bilden. Wenn die Politik keinen Strich durch die Rechnung macht, dann mögen jene Optimisten recht behalten, die schon vor Monaten „Farben“-Kurse voraussagten, die sich an der 400-Prozent-Grenze bewegen.

Von der vorösterlichen freundlichen Aktientendenz haben aber nicht nur die Spitzenwerte des Chemie-Marktes profitieren können. Darüber hinaus lagen auch die Montane fest. Dazu haben einige günstige Aspekte, wie der Thyssen-Bericht (an anderer Stelle unserer heutigen Ausgabe besprochen), ebenso beigetragen wie Nachrichten, die von einer besseren Absatzlage bei Eisen und Stahl zu berichten wissen (allerdings nur auf Teilgebieten – und nicht bei Röhren) Auf diese Weise kamen bei den Montanaktien größere Umsätze zu leicht steigenden Kursen zustande, wobei im allgemeinen festzustellen ist, daß die Liebe zu den Montanaktien mit der Entfernung zum Ruhrgebiet wächst. Also eine Parallele zu den Schiffahrtswerten, die an der Küste mit besonderer Zurückhaltung beurteilt werden.-Dem Börsenbesucher konnte nicht entgehen, daß bei einigen breit gestreuten Papieren von Bankseite bei steigenden Kursen sehr viel Material in den Markt – geworfen wurde, vielleicht weniger, um sich zu entlasten, als vielmehr in der Absicht, ungerechtfertigte Steigerungen zu unterbinden.

Wie die IG-Farben-Nachfolger durch den Dividendenbeschluß der Farbwerke Bayer, 14 v. H. zu zahlen, angeregt wurden (obwohl dieser Satz überall erwartet worden war), so wirkte bei den Bankaktien der Abschluß der Deutschen Bank anregend. In Börsenkreisen fand dabei weniger die Dividendenhöhe (ebenfalls 14 v. H.) Beachtung, sondern vielmehr die in der Bilanz und in der Gewinn- und Verlustrechnung zum Ausdruck kommende hohe Ertragskraft des größten deutschen Kreditinstituts.

Sensationelle Sonderbewegungen blieben vor Ostern aus. Der BMW-Kurs erholte sich, als die grundsätzliche Bereitschaft des bayerischen Staates bekannt wurde, der Gesellschaft eine Staatsbürgschaft von 10 Mill. DM zu gewähren. Der vorsichtige Aktionär konnte jedoch die Auseinandersetzungen nicht übersehen, die dieser Erklärung vorausgegangen sind. Überdies werden in Verbindung mit der Staatsbürgschaft Auflagen gemacht werden, die den Aktionär nicht unberührt lassen können. Unter anderem soll wieder einmal eine personelle Umbesetzung in der Firmenleitung vorgenommen werden. Böse Zungen in München behaupten, mit Gewährung der Staatsbürgschaft wird das eigentliche Sanierungsproblem nur um zwei Jahre vertagt.

Zu neuen Käufen ist es bei der Chemie-Verwaltung gekommen. Der Umstand, daß es dem Bremer Kaufmann Krages nicht gelungen ist, sein Paket an Chemie-Verwaltungs-Aktien (er hat es über die Börse gekauft und daneben gegen Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks AG getauscht) zu einem ihm angemessen erscheinenden Kurs an die IG-Farben-Nachfolger zu verkaufen, hat die Börse zunächst verstimmt. Man befürchtete, daß sich Krages nunmehr bemühen wird, die Papiere über die Börse abzustoßen, was nicht ohne Konsequenzen für den Kurs möglich ist. Überhaupt scheint Krages in letzter Zeit mit seinen Spekulationen nicht mehr so gut zu liegen, wie es in früheren Jahren der Fall war. Bei der Gelsenkirchener Bergwerks-AG hat er sein Ziel, eine Schachtelbeteiligung zu erwerben, nicht erreicht, an seinem BMW-Paket hatte er wenig Freude (man sagt, er hat es zumindest teilweise wieder abgestoßen), und sein erster Vorstoß bei der Chemie-Verwaltung ist auch mißglückt. Wenn der Kurs der Chemie-Verwaltungs-Aktien dennoch in letzter Zeit wieder gestiegen ist, dann liegt es daran, daß sich offensichtlich die Oppositionsgruppen formieren und verstärken, um auf der kommenden Hauptversammlung ein möglichst großes Gewicht in die Waagschale werfen zu können. Kurt Wendt

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Die Bundeseigene AG für Berg- und Hüttenbetriebe, Berlin/Salzgitter, wird für das am 30. September zu Ende gegangene Geschäftsjahr 1957/58 eine Dividende von 6 v. H. auf 394 Mill. DM Grundkapital verteilen. Es ist die erste Dividende, nachdem das 9 Monate umfassende Rumpfgeschäftsjahr 1957 nach Zuführung von 24 Mill DM an die Rücklagen ausgeglichen war. Für das laufende Geschäftsjahr hat das Bundesfinanzministerium in seinem Etat Einnahmen aus einer 7prozentigen Dividende bei Salzgitter eingesetzt. Ob diese tatsächlich vorgeschlagen werden kann, war nicht zu erfahren. Es wurden jedoch erhebliche Zweifel geäußert, zumal die Erlöse der Hütte zurückgegangen seien und die Lage des Bergbaues sich weiter verschlechtert habe.