H. W., Kiel

Die Zahl der Strafgefangenen in den schleswigholsteinischen Strafanstalten ist in den letzten Jahren nicht angestiegen, sondern dauernd gesunken. Der Anteil der Jugendlichen hingegen ist gewachsen. Er macht nach einer Mitteilung des schleswig-holsteinischen Generalstaatsanwalts fast die Hälfte aller Strafanstaltsinsassen aus.

Der junge Mensch, der sich kürzlich wegen eines Raubüberfalls vor einer schleswig-holsteinischen Jugendkammer zu verantworten hatte, sah nicht aus wie ein Verbrecher. Und er benahm sich auch nicht so. Er war 22 Jahre alt, und als er gefragt wurde, wie er dazu gekommen sei, zuckte er die Achseln und sagte: „Nur so.“

Aber dann sagte er: „Ich hatte kein Geld mehr. Doch ich brauchte was. Und leihen konnte ich mir nichts. Meine Taschen waren leer. Außerdem hatte ich Schulden. Da haben wir uns eben verabredet, einen Mann zu überfallen, der etwas getrunken hatte.“

Wir, das waren er und sein ein Jahr älterer Freund. Während er selber nicht vorbestraft war, hatte der Ältere bereits einige Strafen wegen verschiedener Diebstähle verbüßt.

Geld also brauchten die beiden, und möglichst schnell obendrein. Sie wollten leben wie die anderen, aber sparen und bescheiden sein wollten sie nicht. Es war schwer, das Geld im Beruf zu verdienen. Und vor allem – es ging nicht so schnell. Da griffen sie zum einfachsten Mittel, das es nach ihrer Ansicht gab: Sie nahmen sich das Geld dort, wo sie es bekommen konnten. Bei einem Raubüberfall, bei einem Einbruch, bei einem Diebstahl.

Die medizinischen und juristischen Sachverständigen sprechen in solchen Fällen von der Wohlstandskriminalität. Denn es ist nicht die Not, die die Jugendlichen zu ihren Verbrechen treibt, sondern ganz einfach das Verlangen, mehr haben zu wollen, als ihnen das Leben gibt. Viele von ihnen sind verhältnismäßig einfach durch die Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre gekommen. Aber jetzt scheitern sie an der Diskrepanz zwischen dem Habenwollen und dem Erreichenkönnen.