Von Volkmar von Zühlsdorff

Mussolini hoch zu Roß, umgeben von faschistischen Emblemen, die Hand zum Gruß aufgereckt – das ist eine Sehenswürdigkeit, die man heute in Europa wohl nur noch an einer Stelle findet, in Südtirol nämlich, auf dem Monumentalfries des Palazzo degli uffici finanziari, der Finanzdirektion im italienischen Stadtteil von Bozen. Eine einsichtige Fügung wollte es, daß dieses Prunkstück aus dem „Jahre XX der faschistischen Ära“ während des Krieges zu Schaden kam. Aber die Behörde hat es inzwischen pietätvoll wiederhergestellt, und so wird denn auch der demokratische Steuerzahler noch immer vom Duce und seinem Wahlspruch begrüßt: „glauben, gehorchen, kämpfen“.

Daß dieses Denkmal hier jetzt so steht, ist ebenso bezeichnend für die Südtiroler wie für die Italiener – für die Geduld der deutschen Volksgruppe nämlich, die das Relief, obwohl der Faschismus sie elend gepeinigt hatte, nicht kurzerhand niederrissen, und für die Torheit der Italiener, die es ebenfalls nicht taten, nur weil der Duce hier den Kampf gegen eine Volksgruppe führte, deren Bestehen auch so manchem Demokraten unter ihnen ein Ärgernis schien (oder zumindest ein Schönheitsfehler im Gewebe des geschlossenen Nationalstaates).

Keine Gewalt à la Mussolini

Was vernünftige Italiener davon halten, dafür ist die Stimme des bekannten Publizisten Indro Montanelli in l’ Europeo, die DIE ZEIT in ihrer vorletzten Ausgabe wiedergab, ein Beispiel. Ich fragte einen Südtiroler in Bozen um seine Meinung, einen Anwalt, der unter seinen italienischen Kollegen viele Freunde hat. „Niemand wird den Italienern verübeln meint er, „wenn sie dem Nationalstaatsideal anhängen, obwohl es ein wenig abgestanden ist. Aber dazu gehört eine Entscheidung. Sie müßten dann darauf verzichten, andere Volksgruppen in ihren Staatsverband hineinzunehmen. Wollen sie das aber nicht, so haben sie eben keine geschlossene Italianita mehr und sie müssen die Minderheiten gleichberechtigt leben lassen, wie etwa die Schweiz es tut.“

Zwar haben seit dem Kriege die Italiener auf Gewaltanwendung à la Mussolini (er wollte die Südtiroler aus dem Lande vertreiben) verzichtet. Auf das Ziel aber, so meinen die Südtiroler, haben sie nicht verzichtet. Und dies Ziel liegt darin, im Laufe der Zeit in Südtirol eine italienische Mehrheit zu schaffen und damit die Grundlage für eine völlige Italianisierung auf „demokratischem“ Wege zu erlangen. Rom verläßt sich auf den übermächtigen Druck von 45 Millionen gegen kaum eine viertel Million, und es hilft von Staats wegen kräftig mit, um Italiener ins Land zu ziehen.

Das ist auch der Grund, warum im Arbeitsamt Bozen kaum Südtiroler tätig sind. Sie könnten feststellen, daß bei der Stellenvermittlung die Einheimischen nicht, wie das Gesetz es befiehlt, den Vorrang erhalten. Das Gesetz gegen die Landflucht, das für ganz Italien gilt, wird in Südtirol nicht angewendet, und der Regierungskommissar zwingt die Gemeinden, den zugewanderten Italienern sogleich Wahl- und Heimatrecht zu geben. Wohnungen erhalten sie durch das Volkswohnbauwerk, für das der Staat Milliarden von Lire aufwendet. Von den fast 7000 Wohnungen, die seit Kriegsende gebaut wurden, gingen über 94 v. H. an Italiener. Und das, obwohl noch immer zwei Drittel der Bevölkerung der Provinz Bozen Südtiroler sind.