Von Thilo Koch

Verweilen Sie vor dem Unvereinbaren“, hat der alte, der weise gewordene Benn geraten. Es war etwas von einem korpulenten, leise murmelnden Buddha an ihm, wenn er solche Sätze – hinter seinem Büro-Schreibtisch ins erwünschte Zwielicht des kahlen Ordinationszimmers blinzelnd – dem erkenntnishungrigen Besucher zu verstehen gab.

Viele haben so vor ihm gesessen und sind halbzufrieden wieder gegangen. Ich gehörte dazu und auch Dieter Wellershoff; beide haben wir Bücher über den Meister geschrieben, weil wir uns mit seinem Rat nicht bescheiden mochten – oder doch wenigstens jenes „Unvereinbare“ genauer kennenzulernen wünschten, vor dem wir verweilen sollten.

Wellershoff schrieb als junger Bonner Philologe schon seine Dissertation über Benn; nun aber legte er das bisher eindringlichste Werk zur Frage vor, wie die unvergleichliche Tiefen- und später auch Breitenwirkung eines esoterischen Expressionisten aufs geistige Deutschland der zweiten Nachkriegszeit erklärt werden könnte –

Dieter Wellershoff: „Gottfried Benn, Phänotyp dieser Stunde“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 253 S., 16,80 DM.

„Erkenne die Lage!“ sagt Benn im „Ptolemäer“, und Wellershoff spricht für die jüngere Generation, wenn er Benns Werk als Vehikel nimmt, die Lage, „die Stunde“, durch Benn zu erkennen: „... Benn eine exemplarische Gestalt der jüngsten deutschen Geistesgeschichte“, „sein Werk ein konzentrierter Ausdruck der Problematik der Epoche An den Kreis dieser Problematik legt Wellershoff wie Tangenten sechs Begriffe Benns; es sind die sechs Kapitel seiner Studie: Wirklichkeitsverlust, Forciertes Chaos, Untergangsbewußtsein, Provoziertes Leben, Kunst und Macht, Statische Existenz.

An all diesen Benn-Aspekten („Sieht man seitlich in die Dinge hinein, sieht man wenigstens Buntes“) untersucht Wellershoff die geistesgeschichtlichen Hintergründe, die seinen Autor beeinflußten, stimulierten, prägten.