Die Agrarpolitik der EWG ist schwer auf einen Nenner zu bringen

Von Friedrich Lemmer

Mit der Besprechung, die vor einigen Tagen in Brüssel zwischen der Generaldirektion Landwirtschaft der EWG-Kommission und den Präsidenten der Bauernverbände der EWG-Länder unter Vorsitz des „europäischen Agrarministers“ Dr. S. L. Mansholt stattfand, hat die Suche nach dem künftigen einheitlichen Getreidepreis für den EWG-Raum nun auch offiziell begonnen. Es handelt sich um eine überaus schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe. Denn der Getreidepreis ist der agrarwirtschaftliche „Schlüsselpreis“ und die Spanne zwischen den derzeit höchsten und niedrigsten Preisen in den EWG-Ländern ist groß. Auf welchem Niveau ein „einheitlicher“ Preis immer gefunden werden wird, er bedeutet in allen Fällen, daß in einigen oder allen Partnerländern größere Veränderungen der Getreidepreise eintreten. Die bäuerlichen Einkommen, die Produktionsrichtungen und die Erzeugungsmengen werden durch diese Manipulation so stark beeinflußt werden, daß daraus neue tiefgreifende Agrarprobleme entstehen. Die Suche nach diesem Preis wird ein Prüfstein für die Stärke des Willens sein, einen echten kleineuropäischen Binnen-Agrarmarkt zu schaffen. Die Notwendigkeit, den einheitlichen Getreidepreis zu finden, wird die EWG einer starken Belastungsprobe aussetzen.

Aber warum müssen die Getreidepreise „einheitlich“ sein? Die EWG-Kommission setzt ja auch keinen einheitlichen Preis für Autos oder Fernsehgeräte fest! Gewiß nicht. Denn auf einem freien Binnenmarkt spielen sich für gleichartige Erzeugnisse die Preise von selbst auf einem Niveau ein, bei dem nur unterschiedliche Transportkosten zu Abweichungen führen. Die Agrarmärkte der EWG-Länder dagegen sind durch staatliche Maßnahmen, mit denen Erzeugung, Absatz und Preise gesteuert werden, voneinander stark geschieden; zwischen ihnen besteht ein viel stärkeres Preisgefälle als auf dem gewerblichen Sektor. Die Oberführung dieses Konkurrenzgefälles in einen einheitlichen Binnenmarkt ist nur durch einheitliche zwischen den Ländern abgestimmte Maßnahmen möglich, wenn nicht schmerzhafte und gefährliche Übergangsreibungen entstehen sollen.

Agrarpolitischer Schlüsselpreis

Die Getreidepreise bestimmen keineswegs nur das Einkommen der Getreideproduzenten. Sie bestimmen weitgehend über Umfang und Art der direkten Bodennutzung (Anbau von Getreide, Kartoffeln u.a.) und ebenso über Umfang und Wirtschaftlichkeit der Veredlungsproduktion (Schweine, Geflügel, Eier). Erhöhte Getreidepreise reizen zur Ausdehnung des Getreide- und Kartoffelbaus und zur Ausnutzung auch geringwertiger Böden an; sie wirken andererseits als hohe Futterkosten auf eine Drosselung der Veredlungsproduktion hin. Gesenkte Getreidepreise hingegen führen zur Einschränkung der Bodenproduktion bis zur Aufgabe von „Grenzböden“; sie stimulieren andererseits als niedrige Futterkosten die Veredlungsproduktion. Kurzum, Änderungen der Getreidepreise beeinflussen entscheidend die Richtung der Agrarproduktion und alle landwirtschaftlichen Einkommen, ausgenommen vielleicht die aus Gemüse- und Obstbau. Die Getreidepreise sind der Angelpunkt, von dem aus die Agrarproduktion in dieser oder jener Richtung gelenkt werden kann.

Die bei uns in der Bundesrepublik bisher geführte Diskussion, hauptsächlich zwischen Bauernvertretern und Agrarwissenschaftlern, konzentrierte sich auf die Frage, ob der europäische Getreidepreis auf oder wenigstens möglichst nahe an den deutschen oder den französischen Preis herangeführt werden soll. Diese Frage trifft in der Tat den Kern des Problems. Die EWG-Kommission wird allerdings auch das spezielle holländische Problem und die Wirkung eines neuen Europa-Getreidepreises auf die Agrarbeziehungen zwischen Italien und Frankreich untersuchen und Werten müssen. Sie hat sich auch mit etwaigen Auswirkungen der Getreidepreisänderungen auf die Verbraucherpreise und auf die Außenhandelspolitik des EWG-Raumes zu befassen. Aber in der großen Spanne zwischen den deutschen und den französischen Getreidepreisen liegen die eigentlichen Schwierigkeiten für die erforderliche Generallösung.