Viele Teilnehmer der Tagung mit dem Thema „Die Entdeckung des Mitarbeiters“ – veranstaltet von der Evangelischen Akademie Loccum – waren angenehm überrascht. 150 Unternehmer, Personalleiter und Berater großer und mittlerer Betriebe, die vielleicht mit einer „Seelenmassage“ gerechnet hatten, gingen mit einigen konkreten Erkenntnissen nach Hause.

Die Formulierung des Leitthemas solcher Zusammenkünfte ist immer etwas problematisch. Das Stichwort hätte fast ebenso „Die Entdeckung des Personalchefs“ wie „des Mitarbeiters“ heißen können. Denn es wurden dort in Loccum die innerbetrieblichen Beziehungen des modernen Unternehmens ebenso drastisch beleuchtet und besprochen, wie die meist schwierige Stellung des Personalchefs innerhalb des Kompetenzen-Dreiecks von Vorstand, Abteilungsleiter, Kollegen und Betriebsrat, dessen Funktion für das Gedeihen des Betriebes sehr ernst genommen wurde. Trotz aller Einschränkungen seiner Kompetenzen ist die Bedeutung eines guten Personalleiters – nach Ansicht der Diskussionspartner von Loccum – für den Betrieb nicht hoch genug zu veranschlagen, vorausgesetzt, daß er jene menschliche Qualifikation aufweist, ohne die er lediglich ein Aktenverwalter und Prellbock zwischen Vorstand und Einzelabteilung ist.

Entscheidend für die Eignung zum Personalleiter ist – nach dem Betriebspsychologen L. Kroeber-Keneth – zunächst, daß es sich bei ihm um „ein ausgewachsenes Mannsbild“ handelt; der übersensible Intellektuelle verfügt nicht über die natürliche Autorität zur Anleitung und Beeinflussung von Mitarbeitern – nicht Untergebenen, wie ein Teilnehmer noch „aus Versehen“ in der Diskussion sagte! Er muß schon irgendwo im Betrieb selbständige Entscheidungen gefällt haben. Er sollte, wenn er mehr sein soll als ein mechanischer Betriebsfunktionär, über „Herz“ verfügen, ohne einem sozialromantischen Wunschbild des Betriebs nachzujagen. Geduld, Umsicht und Standfestigkeit gegenüber Vorgesetzten und Kollegen wurden von den Teilnehmern als die anderen Voraussetzungen für diese Position bezeichnet, Distanz, die nicht aus Überheblichkeit stammt, muß dem Personalleiter eigen sein, meinte ein anderer; und das Wort „Zivilcourage“ fiel in der Aussprache häufig. Hierbei zündete der Einwand eines jüngeren Tagungsteilnehmers, die vernünftige und schöpferische Anwendung von Zivilcourage sei doch im Betriebe, besonders im Großbetrieb mit dessen hierarchischem Aufbau, erst dann möglich, wenn der Manager – in diesem Fall Personalleiter – auf ein Mindestmaß an Verständniswillen seitens der organisatorisch meist „überforderten“ Vorstandsmitglieder zählen könne.

Fast aus allen Debatten klang der indirekte Appell an die Unternehmer und Unternehmensvorstände heraus, dem Personalleiter – der ja selbst keine entscheidende Personalpolitik treibt, sondern höchstens modifizierend eingreift – stärkere Unterstützung zu gewähren. In vielen Betrieben rangiert der Personalleiter noch unter „ferner liefen“ und sieht seinen Chef nur sehr selten. Und doch muß er neben der Erledigung des normalen Aktenkrams, der Einstellung und Entlassung von Mitarbeitern, bei der Erfüllung seiner ungeschriebenen Pflichten die Rolle eines Moderators zwischen divergierenden Gruppeninteressen im Betriebe spielen.

Einige Unternehmer gingen noch ein Stück weiter. So sprach sich zum Beispiel der Vorsitzer des Vorstandes der Brown Boveri und Cie (Mannheim), Kurt Lotz (dessen Verantwortungsbereich über 30 000 Menschen umfaßt), für eine stärkere Delegation von Kompetenzen seitens des Vorstandsvorsitzenden aus. Diese Einstellung erinnert an die „Managements“ gewisser angelsächsischer Unternehmungen, die sich die Pflege der menschlichen Beziehungen im Betrieb ebenso wie die Nachwuchsförderung an der Spitze selbst vorbehalten, da sie diese Tätigkeit als unternehmerische Primäraufgabe betrachten. Wie viele deutsche Firmenvorstände sitzen dagegen noch in einer Art von Glashaus; sie wissen über die technologischen Vorgänge in fernen Erdteilen Bescheid, scheinen aber kein Interesse dafür zu haben, was ihr Pförtner, ihre Sekretärin und der Mann am Schraubstock denken!

Deutlich wurde in Loccum klar, daß der Personalleiter zwar viele Sachgebiete überblicken muß – Arbeitsdirektor Jungbluth von den Hüttenwerken Salzgitter stellte sie systematisch heraus: Betriebsorganisation / Tarifwesen / Sozialpolitik / Analytische Arbeitsplatzgestaltung / Arbeitsrecht / Vorschlagswesen / Werkzeitschriften / Unfallschutz / Nachwuchsauslese und Begabtenförderung –, daß er aber nicht zum „Personal- und Verwaltungsspezialisten“ des veralteten Typs degradiert Verden darf. Die Erkenntnis der psychologischen Bedeutung solcher bis jetzt als „Bagatelle“ behandelten Probleme war bereits ein konkreter Gewinn dieser Veranstaltung.

Hanns-Dietrich Ahrens