Unter den zahllosen Fragen, mit denen der vielfache Darmstädter „Kleinaktionär“ Erich Nold die Teilnehmer an der HV der Berliner Handels-Gesellschaft, Berlin–Frankfurt, teils langweilte, teils empörte, befand sich eine, die zwar in der Form unerfreulich, in der Sache aber – trotz der Ahnungslosigkeit des Fragestellers – bemerkenswert war. Sie betraf die Vorgeschichte eines im Geschäftsbericht 1958 beiläufig erwähnten Vergleichs in einem Restitutionsverfahren, bei dem es um ein Aktienpaket der Baumwollindustrie Erlangen–Bamberg AG geht, das die BHG noch vor dem zweiten Weltkrieg zu ihren bereits vorhandenen Anteilen an dieser Gesellschaft hinzuerworben hatte. Dieses ursprünglich einmal in jüdischem Besitz befindliche Paket hatte die BHG nicht etwa unter Ausnutzung der damaligen politischen Verhältnisse zu einem Schleuderpreis gekauft, sondern – wie ihr auch jetzt immer wieder von den Restitutionsgerichten bestätigt worden ist – zu einem durchaus angemessenen Preis von einem nichtjüdischen Nachbesitzer in der Schweiz gegen freie Schweizer Franken. Es wäre geradezu absurd, dem von Carl Fürstenberg gegründeten Institut antisemitische Tendenzen zu unterstellen, und man darf einer Bank vom Range der BHG zumuten, daß sie sich wegen des fraglichen Paketes nicht in eine gerichtliche Auseinandersetzung eingelassen hatte, wenn ihr Zweifel an der Rechtmäßigkeit und moralischen Unanfechtbarkeit ihrer Transaktion gekommen wären. So ließ sie es also auf einen Prozeß ankommen – und sah sich nach vier Verhandlungen in zwei Instanzen gezwungen, schließlich einem Vergleich zuzustimmen, durch den sie etwa zwei Drittel ihres damaligen Erwerbs verlor. Daß es sich dabei um Millionenwerte handelte, die keine Bank leichten Herzens opfert, versteht sich am Rande.

Die einfältige Argumentation, mit der Nold hier der BHG eine „Schuld“, mindestens aber ein Versagen anzuhängen versuchte, bewies nicht zum erstenmal seine Unzulänglichkeit für die Rolle des Opponenten, in der er allzu gern agiert. Dennoch hat er mit seiner Anfrage unbewußt den Finger auf eine Wunde gelegt, die bei den jetzigen Behandlungsmethoden niemals heilen wird. Um jedem Irrtum vorzubeugen: es geht hier nicht um den unbestrittenen und unbestreitbaren Anspruch ehemaliger und jetziger jüdischer Mitbürger auf Entschädigung der Verluste, die ihnen durch Hitler zugefügt worden sind. Ebenso unbestreitbar aber ist die Tatsache, daß die Wiedergutmachung dieses Unrechts nach gesetzlichen Bestimmungen dekretiert wird, die durchaus nicht immer rechtsstaatlichen Grundsätzen unserer freiheitlichen Ordnung entsprechen. Das jetzt noch immer bei uns angewandte Restitutionsrecht geht auf Vorstellungen zurück, wie sie die Westalliierten bei Kriegsschluß von der Kollektivschuld aller Deutschen besaßen. Die Unhaltbarkeit dieser These hat auf anderen Gebieten schon längst zu ihrem Abbau geführt. In einem großen Teil der Anwendung der Wiedergutmachungsgesetze ist sie bis auf den heutigen Tag Gewohnheitsrecht geworden und geblieben.

Der Ausweg aus diesem Dilemma kann nicht darin bestehen, daß einzelne Personen oder Institutionen, die sich durch den Erwerb ehemals jüdischen Besitzes nachweislich keinen anderen Vorteil als den mit jedem Besitzwechsel beabsichtigten verschafft haben, dafür doppelt oder gar mehrfach bezahlen müssen. So wie das ganze deutsche Volk andere Folgen des Krieges gemeinsam tragen muß, so sollten auch alle die Folgen solcher Transaktionen übernehmen. gns.