Der Tod André Siegfrieds, des Patriarchen der politischen Wissenschaften in Frankreich und Mitherausgebers des „Figaro“, hat in diesem Augenblick eine für ganz Frankreich besondere Bedeutung. In einer Zeit, in der sich dieses Land in sein nationales „Schneckenhaus“ zurückzieht, ist er das Musterbild eines weltoffenen und die Welt bis in den letzten Kontinent hinein aus eigener Erfahrung kennenden Franzosen.

Dieser Führer der protestantischen Minderheit war in einer Zeit, in der die totalitären Versuchungen Frankreich stärker denn je bedrohen, einer der letzten großen Liberalen und überzeugten Republikaner. In einer Entwicklung, in der Paris immer wieder die angelsächsischen Partner brüskieren zu müssen glaubt, hat er unermüdlich versucht, die Tugenden der empirischen, auf den Kompromiß zielenden und im Zwei-Parteiensystem solide verankerten angelsächsischen Demokratie nahezubringen.

Aber wenn André Siegfried in der Politik ein (hochgeehrter) Prediger in der Wüste war, so ist dafür seine Wirkung auf einem anderen Gebiet um so dauerhafter: Er hat die französische politische Wissenschaft zur international führenden Vertreterin dieser Disziplin gemacht. Er lehrte eine große Schule, auch innerhalb des so anarchisch erscheinenden Bereiches der Politik methodisch exakt zu arbeiten, ohne sich dabei in statistische Staubwolken zu hüllen.

Es ist vor allem das Verdienst dieses bescheidenen, zurückhaltenden Mannes, wenn in Frankreich einer wirren Politik oft eine geistig überlegene Analyse gegenüberstand. A. M.