Von Martin Beheim-Schwarzbach

Das ist gut, daß der Mond besungen und bedichtet wird, ist doppelt gut in einer Zeit, in der es für smart gilt, ihn keineswegs mehr zu bedichten, sondern zu beschießen. Darf man

„Das Mondbuch“, der Mond in der deutschen Dichtung; eine Anthologie, ausgewählt und eingeleitet von Brigitte Neske; Verlag Günther Neske, Pfullingen; 130 S., 8,50 DM,

als einen Protest gegen die Anrempelungsversuche auffassen, die dem treuen alten Erdtrabanten seitens der modernen Raketentechnik zuteil werden? Möglich, wenngleich wir dem sinnigen Unternehmen nicht à tout prix einen kämpferischen Sinn unterstellen wollen, da es sich durchaus lyrisch und nichts als das präsentiert. Auch im Vorwort wird dergleichen nicht zum Ausdruck gebracht; vielmehr kommt hier in liebenswürdigster Weise der Humor zu Wort, indem die Tatsache, daß hier nur deutsche Monddichter vertreten sind, mit der verschmitzten Beweisführung Christian Morgensterns erklärt wird: daß der Trabant ein völlig deutscher Gegenstand sei.

Auch ohne diese allerdings in sich bereits zwingende Beweisführung darf man der Vermutung Raum geben, daß keine andere Sprache, unseres Wissens nicht einmal die englische, mit dem Mond auf so vertrautem Fuße steht, ihm soviel Ehre angedeihen läßt wie die deutsche – was eine Anthologie von Gedichten an den Mond von vornherein auf das Schönste rechtfertigt. Auch ist es ein Unternehmen, das, soviel wir feststellen können, bisher noch nicht unternommen worden ist, auch nicht in den Zeiten der Romantik, die man doch wohl als die klassische Zeit der Mondbesingung ansprechen darf.

In Prosa kommen uns nur Adalbert Stifter, Johann Peter Hebel und Ernst Jünger sowie die Brüder Grimm; der gleichfalls prosaische Beitrag von Ilse Aichinger, der Dichterin der „Knöpfe“, ist ein diesem Hörspiel würdiger und ebenbürtiger Unsinn, während ihr Gatte Günter Eich ein so schönes Gedicht („Fragment“) beisteuert, daß es so ziemlich alle anderen zeitgenössischen aufwiegt, und dabei sind sehr schöne darunter.

Halt, fast hätte ich beim Blättern den reizenden Beitrag von Matthias Claudius „Ein Brief an den Mond“ vergessen, welcher auch in Prosa ist, und in der schönsten, und vielleicht der süßeste Beitrag überhaupt, von betörender Kürze und naiver Witzigkeit, ganz der Wandsbeker Bote. Eigentlich doch schade, daß Dichter anderer Sprachen so konsequent ausgeschlossen sind, sonst hätte bestimmt das Märchen von der Prinzessin, die den Mond haben wollte, von keinem Geringeren als James Thurber, sich wie von selber hier eingefunden.