Von Dieter E. Zimmer

Seitdem vor etwas über hundert Jahren das Erscheinen der „Blumen des Bösen“ eine neue Epoche lyrischer Dichtung einleitete, ist ihr Dichter Gegenstand kritischer Überlegungen. Nicht nur, daß sein Temperament das geistige Klima folgender Generationen vorbereiten half. Es ist besonders die kompromißlose Schärfe seiner intellektuellen Revolte gegen die Natürlichkeit – und natürlich war ihm vor allem das Laster der Großstadt, das ihn mit Faszination und Abscheu zugleich erfüllte – und es ist der ästhetische Triumph, den er über alle Demütigungen davontrug, was die Nachfahren zur Auseinandersetzung mit ihm zwingt. Eine neue Studie liegt jetzt in deutscher Sprache vor:

Paul Arnold: „Das Geheimnis Baudelaires“; aus dem Französischen von Gerd Henniger; Karl H. Henssel Verlag, Berlin; 239 S., 14,50 DM.

Der Titel ist irreführend. Das Geheimnis eines Menschen lösen zu wollen, wäre vermessener Anspruch – und das unternimmt Arnold auch nicht. Er untersucht eine ganz spezielle Frage: Was hat es mit dem auf sich, was Baudelaire einmal „meine (travestierte) Religion“ nannte? Arnold glaubt, ihre Quellen gefunden zu haben – in dem Werk Swedenborgs, das die Baudelaireforschung schon seit längerem heranzieht, besonders aber in dem sogenannten Poimandres: Das ist jenes bekannteste der dem ägyptischen Gott Thoth (genannt Hermes Trismegistos) zugeschriebenen esoterischen Werke, das Baudelaire, trifft Arnolds Vermutung zu, in der 1579 in Bordeaux erschienenen, von François de Foix christlich kommentierten Ausgabe gekannt hat.

Die ursprünglich heilige Seele wäre, sagt Hermes, in den Kerker der Körperlichkeit gestürzt worden. Das Schicksal ist unentrinnbar, einen Erlöser gibt es nicht. Ergibt sich die Seele dem Bösen, so beginnt das Werk der Dämonen in uns, die den Menschen immer weiter in das Laster treiben. Die einzige Chance einer Wiederherstellung der Seele ist die im Leiden des Lasters erwachende intellektuelle Wachsamkeit.

Das wirft neues Licht auf eine Reihe von Hauptbegriffen Baudelaires: die „Bewußtheit im Bösen“, den „Adel des Schmerzes“, die Rolle der dämonischen „Selbsträcher“. Auch der Überdruß erscheint bei Hermes wie bei Baudelaire an erster Stelle unter den Lastern. Für die Interpretation einiger Gedichte, die bisher verhältnismäßig dunkel blieben, erweist sich das Zurückgehen auf die alexandrinische Metaphysik als sehr fruchtbar, insbesondere für „An den Leser“, „Segnung“, „Das Unheilbare“ und den „Heautontimoroumenos“.

So, wertvoll es ist, daß nun neben der katholischen und der psychologisch-medizinischen Baudelairedeutung diese dritte Perspektive eröffnet worden ist, so bedauerlich ist es auch, daß Arnold in seiner Entdeckerfreude der Versuchung erliegt, die Entsprechungen hin und wieder zu strapazieren. Genauso unglücklich ist es, daß er nur die vermuteten Übereinstimmungen nachweist, nicht aber die entscheidenden Unterschiede.