IV. Als Berlin noch die Weltbühne war – Schuldige und Unschuldige im Sog der widerstreitenden Gewalten

Von Alfred Kantorowicz

Das Kapitel, mit dem wir die Serie Kantorowicz beschließen, ist eigentlich das Herzstück des entstehenden Buches mit dem Titel „Deutsches Tagebuch“, oder besser: hier wird deutlich, worum es dem Autor geht, warum er schreiben muß. Dieses Kapitel handelt nämlich von einem Menschen, der 1948 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde, obgleich er alles andere als ein Verbrecher war. Und eben dieses Schicksal scheint Kantorowicz symbolisch für unsere Zeit. Da will ein Mensch Unheil abwenden, ist bereit, sich zu opfern, will helfen, retten und gerät dabei hinein in den großen Sog der widerstreitenden Ideologien, der alles durcheinanderwirbelt, die Rettenden und die Vernichtenden, objektiv Schuldige und subjektiv Unschuldige, Gute und Böse – so daß ein Richterspruch auf weltlicher Ebene kaum noch zuständig zu sein scheint. Das Buch von Alfred Kantorowicz, aus dem wir vier Abschnitte brachten, wird demnächst im Kindler-Verlag, München, erscheinen.

Auf meiner Reise durch die deutsche Not im Mai 1948 fuhr ich auch nach Marburg, um endlich Friedrich Hielscher (Autor von „Das Reich“ und „Fünfzig Jahre unter Deutschen“) wiederzusehen, von dem ich fünfzehn Jahre zuvor im Frühjahr 1933 in Berlin, als er mich zur Zeit meiner Illegalität in seiner Wohnung verbarg, Abschied genommen hatte. Der Zufall wollte, daß dieser 31. Mai, an dem ich ihn aufsuchte, sein Geburtstag war. Das erfuhr ich erst später.

Es war ein regnerischer, kühler Tag; ich kam durchnäßt und etwas verfroren vor seiner Wohnung an. Eine schlanke, sehr anmutige blonde Frau öffnete mir. Ich wußte, daß Friedrich unterdessen geheiratet hatte, und vermutete, daß es Gertrud sei. Ich nannte fröhlich meinen Namen. Sie schien bestürzt. „Friedrich ist nicht da“, sagte sie. „Er mußte ganz plötzlich weg. Morgen soll ja die Hinrichtung stattfinden.“

Nun, manches war mir widerfahren, und ich war jeweils auf merkwürdige Überraschungen vorbereitet, aber man wird verstehen, daß mir diese an Stelle des Willkommengrußes an der Schwelle gegebene Auskunft den Atem verschlug. „Was für eine Hinrichtung?“ stammelte ich entsetzt.

Gertrud, die seit Monaten in dem entnervenden Spannungszustand des Kampfes zur Rettung eines nahen Freundes vor dem Strang lebte, war so erfüllt von dem Verhängnis, daß sie unwillkürlich voraussetzte, jeder andere alte Freund ihres Mannes müsse davon wissen. Sie fing sich sogleich. „Kommen Sie herein, Kanto, ich darf doch Kanto zu Ihnen sagen, Friedrich spricht nie anders von Ihnen – er hatte sich ja so sehr auf Ihren Besuch gefreut; ich werde Ihnen später alles erklären, jetzt muß ich auch sofort weg, wir wollen einen letzten Versuch mit einem Gnadengesuch bei General Clay machen. Warten Sie hier auf mich, ich bin in zwei Stunden zurück, aber wahrscheinlich muß ich heute nacht noch nach Stuttgart fahren ...“