Von Johannes Jacobi

Abseits der großen Theaterstraße liegt Bern. Die schöne Bundeshauptstadt der Schweiz besitzt zwar wunderbar erhaltene mittelalterliche Anlagen, aber nur ein Schwach dotiertes Stadttheater, vergleichbar dem Leidensgenossen Bonn.

In Bern nun wurde das Schauspiel „Jonas und der Nerz“ uraufgeführt. Sein Verfasser, der heute dreißigjährige Schweizer Herbert Meier stand vor fünf Jahren zum erstenmal im Rampenlicht, als seine „Barke von Gawdos“ vom Zürcher Schauspielhaus während der Juni-Festwochen uraufgeführt wurde. Ich habe jenes Stück im selben Jahre in Bremen gesehen und war nicht sehr begeistert. Haften blieb dennoch die Erinnerung an eine lyrische Sprachkraft, die damals noch keine szenische Struktur gefunden hatte.

Meier hat nicht nur die „Elektra“ von Giraudoux, sondern inzwischen auch die in Deutschland beifällig aufgenommene „Geschichte von Vasco“ des französisch gebildeten Libanesen Georges Schehadé übersetzt. An ihm scheint er eine Art dramatischen Mentor gefunden zu haben. Wie Schehadé schlingt Meier eine phantasievolle Märchenfabel um lyrische Tragpfeiler. Hier verdichtet er Gefühle und Reflexionen zu sprachlichen Formeln, die nicht leicht zu enträtseln, aber dennoch klar geprägt sind.

Der Schritt von der „Barke von Gawdos“ zu „Jonas und der Nerz“ ist ein Fortschritt von der lyrischen Assoziation zur Entwicklung einer szenischen Situation. Fern jedem Naturalismus, gelingen ihm nun auch theatergemäße Bilder, die Spiegelbilder gegenwärtigen Lebens sind. Einige werden sogar Sinnbilder.

Ich gestehe: auch in Bern war ich während der ersten Viertelstunde ziemlich ratlos. Zwei junge Liebende wollen sich heiraten. Zwei Alte, „die Frau in Lila“ und „der Mann im Zylinder“, treten in eine Bar ein und reden wirres Zeug. Sie jedenfalls sucht ihren verlorenen Sohn Jonas – soviel wird bald klar – und trägt einen zerschlissenen Nerzmantel. Daher also der Titel. Auf schwer bestimmbare Weise ist man gefesselt. Aber wie lange?

Plötzlich fällt der dramaturgische Groschen. Die Kurve einer Handlungsparabel zeichnet sich ab. Vergangenes wird stückweise – und wie geschickt! – aufgedeckt. Der Junge erkennt seine Mutter und wünscht, sie wäre „vergast“. Kindheitserinnerungen, Untreue der Mutter gegen seinen Vater, auf und davon mit dem „Mann im Zylinder“. Und nun dieses irre Ende einer ausgebrannten „großen Liebe“. Sie sucht, haltlos geworden, einen Sohn, den sie nicht kennt, und bedroht durch ihre Existenz Leben, das hoffend am Anfang steht.