Auch Minister sollten nicht an den Tatsachen vorbeiargumentieien, selbst wenn sie sich zwischen eigenen Zusagen und den Beschneidungen ihres Etats durch den Bundesfinanzminister in die Enge getrieben fühlen. Nur aus dieser Klemme heraus ist die seltsame Beweisführung des Bundesverkehrsministers Dr. Seebohm verständlich, der, sonst – wie ihm noch nie abgestritten wurde – fachlich wohlinformiert, auf einer Pressekonferenz in Rendsburg anläßlich des „Tunnelstapellaufs“ für den Nordostseekanal-Stiaßentunnel versuchte, die Forderungen auf eine Vertiefung dieses Kanals ad absurdum zu führen.

Er wartete mit einer Verkehrsstatistik auf, nach der die Zahl der „Weichenschiffe“ im Kanal nicht mehr zunähme, sondern seit 1955 um 10 v. H. abgesunken sei, während der Gesamtverkehr immer noch ansteigt. Nun sind diese „Weichenschiffe“ im Gros die größeren Einheiten (jedoch auch Schiffe mit entzündlicher Ladung oder über 35 kg Sprengstoff an Bord), die bei der Kanalpassage kleinere Schiffe an den „Weichenstellen“ vorlassen, oder deretwegen die kleineren Schiffe warten müssen. Dr. Seebohm schloß aus diesem Rückgang der Weichenschiffe, daß eine Kanalvertiefung nicht dringlich sei, weil ja eine Zunahme des Verkehrs größerer Schiffe nicht sichtbar sei.

Diese Logik jedoch ist höchst fragwürdig. Denn es ist nicht abzustreiten, daß in der Welthandelsflotte der Anteil größerer Einheiten ständig wächst. Die westdeutsche Seeschiffsflotte verzeichnete Anfang 1956: 9,4 v. H. und Anfang 1959 schon 19,0 v. H. an Schiffen über 10 000 BRT unter ihrer Tonnage. Wenn trotzdem der Verkehr größerer Schiffe im NO-Kanal seit 1955 nicht angestiegen, sondern zurückgegangen ist, während der Verkehr kleinerer Schiffe ständig zunahm, so ist daraus zu schließen, daß die größeren Schiffe diesen Kanal wegen seiner unzureichenden Dimensionen zu meiden beginnen. Die Kanal Vertiefung von heute 11 auf mindestens 12 m ist also in Wirklichkeit dringender denn je.

Sie wurde praktisch dem Land Schleswig-Holstein auch zugesagt, wenn man den Angaben aus den Kabinettsprotokollen von den Verhandlungen mit Dr. Seebohm vom Sommer vergangenen Jahres und den gleichlautenden Pressepublikationen von der damaligen Seebohm-Pressekonferenz Glauben schenken darf (selbst wenn der Bundesverkehrsminister diese Protokolle heute als „nicht ihm zur Unterzeichnung vorgelegt“ ableugnen möchte). Damals wurde dem Land Gleichbehandlung seiner Wasserstraßen NO-Kanal und Untertrave mit der Unterelbe zugesichert. Während jedoch die Vertiefung der Unterelbe heute bereits munter angelaufen ist, ist von gleichen Maßnahmen für den NO-Kanal nicht die Rede, -ert.