Wer kann das noch leisten, was heute von einem Rektor verlangt wird? – Einen Lehrstuhl zu besetzen dauert Monate, auch Jahre Für die wichtigsten Fragen bleibt bei den Fakultätssitzungen keine Zeit mehr

Von Wolfgang Clemen

Zu den melancholischsten Beschäftigungen für den an akademischen Fragen interessierten Zeitgenossen gehört heute zweifellos die Lektüre der zahlreichen Memoranden, Denkschriften und Resolutionen zur Hochschul- und Schulreform aus den letzten zehn Jahren. Wieviel richtige Einsicht in den tatsächlichen Notstand unserer Universitäten und Schulen, wieviel gute und durchaus realisierbare Vorschläge und wie wichtige, kaum zu überhörende Warnungen vor den Gefahren des „Weitermachens im alten Stil“ sind nicht in diesen Schriftstücken enthalten!

Fragt man sich dann aber, was von alledem nun verwirklicht, in Angriff genommen oder – sagen wir es bescheidener – von der Ebene der Diskussion in die der konkreten Planung überführt worden ist, dann gerät man in eine gelinde Verzweiflung angesichts dieser riesigen Kluft zwischen Einsicht und wirklicher Praxis, zwischen Diagnose und Therapie. Haben wir zwar auch aus der Vergangenheit gelernt, daß Reformen im Erziehungs- und Bildungswesen nicht Jahre, sondern Jahrzehnte dauern, so will es uns doch nicht in den Kopf, daß es offenbar nicht nur Jahrzehnte (denn die Diskussion über die Reformen reicht ja bis in die zwanziger Jahre zurück!), sondern vielleicht ein halbes Jahrhundert braucht, um einen notwendigen Wandel zu schaffen. Und wird es sich dann noch um diejenigen Reformen handeln, welche die Einsichtigen ursprünglich erhofften? Nicht jeder Wandel ist Reform.

Wir lassen das weitläufige Problem der Schulreform heute beiseite und stellen die konkrete Frage, ob es nicht auch im organisatorischen Aufbau unserer Universitäten gewisse Hemmnisse gibt, die der Durchführung weiterreichender Reformvorhaben im Wege stehen.

Die Organisationsform unserer Universitäten mit ihrer Rektoratsverfassung und Selbstverwaltung und ihrem Stufenbau von weiteren und engeren Fakultäten, über denen der Senat mit dem Rektor den Abschluß der Pyramide bildet, geht im wesentlichen ins neunzehnte Jahrhundert zurück, in eine Zeit also, in der wir es mit überschaubaren Verhältnissen und einem entsprechend einfacheren und begrenzteren Aufgabenkreis zu tun hatten.

Demgegenüber stellen heute die großen Universitäten einen komplizierten Riesenapparat dar, der nicht nur die fünf- bis zehnfache Zahl von Studenten aufzunehmen hat, sondern auch mehr Fakultäten und Institute, mehr Fächer und Lehrstühle, mehr Sondereinrichtungen und Instanzen umfaßt, als sich das je ein Professor aus dem Jahr 1900 hätte vorstellen können.