Nach einer Unterbrechung von mehr als 17. Jahren – länger als damals gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, als die Gäste schon einmal ausblieben – hat jetzt das „Rose-Hotel“, eines der ältesten in der Kurstadt Wiesbaden, seine Rezeption wieder für die Reisenden aus aller Welt geöffnet. Es sind allerdings nicht mehr, englische Lords und russische Großfürsten, die hier absteigen; über 3300 Quadratmeter Teppiche wandeln ein paar amerikanische Versicherungsdirektoren und ein deutscher Sektfabrikant; wo Papa Wrangel und General Prinz Wittgenstein vor hundert Jahren sporenklirrend die Marmortreppe hinaufstiegen, gleitet jetzt geräuschlos ein moderner Aufzug in die Belle Etage, in der man für einen Hundertmarkschein (mit Salon, Schlafzimmer und Bad) übernachten, aber natürlich auch sehr viel billiger unterkommen kann.

Solange die erklärenden Schildchen noch nicht an den Wasserhähnen angebracht sind, werden die Gäste dieser „fürnembsten Badherberge mit guter Commodität“ erst nach einigen Tests dahinterkommen, daß in diesem Hause (und einigen anderen der Spitzenklasse) viererlei Wasser fließt: Süßwasser, heiß, Süßwasser kalt, Thermalwasser heiß und dito kalt. Schon 1523 ist urkundlich bezeugt, daß das Badhaus, das der pfalzzweibrückische Adlige Hans Mauchenheimer einer Wirtin namens Margarethe verpachtete, an der berühmtesten und stärksten westeuropäischen Thermalquelle, dem Kochbrunnen, teilhatte. Im vergangenen Jahrhundert wurde dieser Anteil quellenrechtlich auf ein Neuntel bestimmt und eine dieser Menge entsprechende Abzweigung in der Quellfassung angebracht. So fließen der „Rose“ täglich rund 60 000 Liter zu, denen die Natur eine Wärme von 65 Grad mitgegeben hat.

Das Kochbrunnen-Neuntel ist Tradition und Verpflichtung zu einem Kur-Stil, den man eigentlich Cour-Stil schreiben sollte: der Fremde, der mit der Taxe ankommt, wird so behandelt, als sei er mit einer Equipage vorgefahren. Die Hotelhalle – Stil Ludwig XV. – böte Raum für vier bis fünf moderne Eigenheime, lädt aber dennoch zum Verweilen ein. Die Zivilisation des zwanzigsten Jahrhunderts – Kühlaggregate, elektrolytische Politur des Hotelsilbers, Ölheizung, Thermostat, Zimmertelephon – ist in neuester Ausführung vorhanden, tritt aber möglichst wenig in Erscheinung. Der Gast, wer er auch sei, bleibt (insbesondere für den Küchenchef) russischer Großfürst mit Dienergefolge, und sein Auto (im Silo nebenan) ist eine berühmte Araberstute. Und alles in allem: in einem Palais, in dem alles so modern funktioniert, fühlt man sich wohler als in einer modernen Übernachtungsmaschine, in der man den Nachbarn schnarchen hört. Dd