Die gute, alte „Campidoglio“ der Adriatica, durch ein halbes Jahrhundert hindurch grande dame der Kombischiffe auf der Nahostroute, ist außer Dienst gesetzt, verkauft, gerade noch zum Verschrotten gut genug. An ihrer Stelle werden in diesem Frühjahr gleich drei neue Tochterschiffe auf den Handelsrouten des östlichen Mittelmeers laufen. Alle drei sind Frachter von je 4 350 Bruttoregistertonnen Wasserverdrängung und bieten Raum für je 81 Passagiere: die ideale Kombination von Fracht- und Passagierschiff also, die dem Gast im Hintergrund seiner „Vergnügungsreise“ ein buntes Bild von Handel und Wandel vermitteln.

Als erstes der drei neuen Schiffe hat die „Bernina“ ihre dreiwöchige Jungfernreise absolviert. Mit monatlichem Abstand folgen „Stelvio“ und „Brennero“. Auf den neuen Schiffen liegt die Tradition der „Campidoglio“, die wegen ihrer reizvollen, immer ausverkauften Seereisen auch viele deutsche Freunde hatte. Hinzu kommt der sympathische Seefahrtsstil im Zeichen italienischer gentilezza und liebenswürdiger Betreuung. Die drei Klassen der „Campidoglio“ sind einer Einheitsklasse gewichen. Natürlich sind, die neuen Schiffe mit modernsten nautischen Einrichtungen versehen. Neuartige Stabilisatoren, eine Art beweglicher Flossen, arbeiten bei Seegang dem so gefürchteten Rollen und Schlingern entgegen.

Das Schiff, das ich in Genua betrat, ist neu, brandneu. Die Farben sind frisch und riechen streng. Die Planken sind noch hell, honigfarben. Am gelben Schornstein prangt als Bronzerelief ein stolzer Löwe, das venezianische Wappentier und Signet der Reederei.

Die Kabinen sind gut durchdacht, schlicht und wohnlich; sympathisch die Klimaanlage; farbig kühne Sitzmöbel, aparte Leuchten, alle Farben nochmals, ins Zartere abgewandelt, in raumteilenden Gardinen; graue und gelbe Platten, glatt und glänzend, verkleiden die Wände. Die Italiener sind eben meisterliche Innendekorateure. Es macht Spaß, in einer dieser heiteren Kabinen seine persönlichen Dinge besitzergreifend auszubreiten, in einem Heim für drei Wochen, unterwegs nach fremden, fernen Küsten. Vor dem Bullauge liegt die Ladeluke geschlossen, die Ladebäume werden gerade herabgelassen.

Die Linie Italien – Ägypten – Libanon – Syrien – Türkei – Cypern – Griechenland ist eine der großen Handelswege im Nahen Osten und eine Traumroute des Touristen obendrein. Während des Löschens und Ladens streifen die Passagiere durch die Hafenstädte oder fahren im Auto ein Stück über Land; sei es, daß sie an den vorbereiteten Ausflügen teilnehmen, was für Neulinge zu empfehlen ist, sei es, daß sie auf eigene Faust die Küstenländer erforschen. Von Livorno aus besucht man Pisa und Lucca, von Neapel aus die Ausgrabungen von Pompeji, von Catania aus Taormina. In Alexandria ist Gelegenheit, für zwei Tage nach Kairo zu fahren. Von Beirut aus fährt man hinauf auf den Libanon, und durch das Bekaatal, dem Paradies der Bibel, nach Baalbek; von Famagusta auf Zypern über die zypriotische Insel bis Nikosia. Die Insel Rhodos, Izmir und Ephesus, Athen und Kap Sunion, Korfu, Venedig gehören zu den Glanzpunkten der Landaufenthalte.

Man reist durch Jahreszeiten und Jahrtausende: heute Orangenernte auf Sizilien, morgen Mandelblüte auf dem Nildelta, übermorgen paradiesisches Skiwetter am Libanon; nahe dem Anfang aller Architektur, den Pyramiden, ragen Bohrtürme, Pipelines, Ölraffinerien am Suez. An der Großbaustelle zur Verbreiterung des Suezkanals arbeitet neben den größten Saugbaggern der Welt ameisengleich ein Heer von Fellachen, die sand- und steinbeladene Strohkörbe auf dem Kopf transportieren.

Noch ehe ein Passagier an Land geht, bestürmen Hafenarbeiter die „Bernina“, ihr Essen für die Arbeitspause im Henkelkorb, und verschwinden im Bauch des Schiffes. Wenn man von Land zurückkehrt, sind in den Laderäumen schon die Güter verstaut, die in anderen Häfen wieder ans Licht kommen: Marmor, aus Livorno, Schwefel aus Catania, Frühgemüse aus Ägypten, Datteln aus Beirut, Erdfarben aus Cypern, Baumwolle aus Latakia und Izmir, Oliven vom Piräus. Auf einem Teil des Decks sind Autos und Baumstämme festgezurrt. Die „Campidoglio“ kam einmal im Monat. Nun, da drei Schiffe auf dem Kurs sind, kann die Reederei den Turnus wöchentlich einhalten. Sie hofft dadurch den Güteraustausch noch mehr in Schwung zu bringen. Der Passagier findet jeden Mittwoch eines der neuen Kombischiffe bereit. Loni Skulima