Von Paul Dietrich Consmüller

Ottawa, Anfang April

Wohl selten zuvor ist in Kanada der Budgetentwurf mit so allgemeiner Spannung erwartet worden wie in diesem Jahr. Zuviel ist in den letzten Wochen über die Zusammenhänge von Arbeitsbeschaffung, Defizit im Staatshaushalt und Geldentwertung geschrieben und geredet worden, als daß man nicht dem finanziellen Programm der Regierung fürs nächste Haushaltsjahr größte Bedeutung beimessen würde.

Im Jahresbericht der Bank of Canada, in dem sich Gouverneur James E. Coyne mit den Hauptfragen der gegenwärtigen Wirtschaftssituation auseinandersetzt, wird die Regierung Diefenbaker aufgefordert, Schluß mit der Defizitpolitik zu machen und für das kommende Jahr einen ausgeglichenen Haushaltsplan vorzulegen. Das sei das beste Mittel, den Inflationstendenzen zu begegnen. Der Leiter des zentralen kanadischen Bankinstituts hat sich mit diesem Appell einen Standpunkt zu eigen gemacht, wie er von zahlreichen Finanzexperten, Sprechern von Wirtschaftsverbänden und Fachjournalisten seit dem Jahresbeginn wiederholt geäußert wurde.

„Mit der Recession sind wir über den Berg, jetzt muß etwas gegen die Inflation getan werden“, so etwa kann man es aus mehr oder weniger berufenem Munde in letzter Zeit immer wieder hören, seitdem Handelsminister Gordon Churchill zum Jahreswechsel „in bescheidenem Maße gute Zeiten“ für 1959 vorausgesagt und darauf verwiesen hatte, daß es nach fast zweijähriger Recession jetzt viele gute Anzeichen für eine neuerliche Aufwärtsentwicklung in der freien Welt gäbe. Im großen und ganzen hatte im vergangenen Jahr die Entscheidung der Regierung Diefenbaker, das Übel „Recession mit Inflation“ erst einmal von jener Seite anzupacken, die aus innenpolitischen Gründen am drängendsten erschien, nämlich bei der Recession mit ihrer erhöhten Arbeitslosenzahl, Zustimmung gefunden. Im gleichen Maße aber, wie sich in den Vereinigten Staaten und Kanada Zuversicht hinsichtlich eines neuen Aufschwunges zeigte, wandte sich die Aufmerksamkeit dem zweiten Teil des Problems zu.

An Statistiken und Beobachtungen über die schleichende Inflation fehlt es nicht. Jede kanadische Hausfrau kann auf Anhieb einige Beispiele dafür nennen, wie sich in den letzten Jahren die Preise nach oben bewegt haben, und die anhaltende Lustlosigkeit auf dem Markt für festverzinsliche Wertpapiere, besonders langfristige Government of Canada Bonds‚ ist schon seit einiger Zeit Gegenstand der Diskussion. Heute weiß auch der an Politik und Wirtschaft nur mäßig interessierte „Mann auf der Straße“, für den die Government Bonds einen Teil der Altersversorgung decken sollen, daß die Kaufkraft des kanadischen Dollars seit 1940 etwa 40 Prozent eingebüßt hat. Hinzu kommen als unerfreuliche Begleiterscheinung der kanadischen Freiheit alle möglichen Geschäftemacher, denen das Stichwort „Inflation“ gerade recht kommt, um ihre „Sachwerte“ anzupreisen, mag es sich um ein neues Auto oder ein Stück Land weitab von Stadt und Straße handeln. Nach dem Grundsatz „Gut ist, was mein Geschäft fördert“, wird auf unüberlegte Weise das Inflationsgespräch genährt, und man kann sich des beunruhigenden Gefühls kaum erwehren, daß sich – ähnlich wie zu den Zeiten des Senators McCarthy – ein Beelzebub einstellen könnte, weil man den Teufel dauernd an; die Wand malt.

Diese Gefahr sieht man natürlich auch in den maßgebenden Kreisen, und der Notenbank-Gouverneur Coyne erklärt ausdrücklich in seinem Bericht, daß die jetzigen Befürchtungen übertrieben seien, besonders dann, wenn es der Bundesregierung gelingt, einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen. Was nach Meinung von Gouverneur Coyne zu geschehen hat, um dieses Ziel zu erreichen, wird im einzelnen nicht dargelegt, in Finanzkreisen verstärkt sich jedoch der Eindruck, daß Finanzminister Fleming vor der unpopulären Aufgabe steht, im Unterhaus eine Reihe von Steuererhöhungen zu empfehlen. Selbst dann bleibt es aber fraglich, ob mit Hilfe der vergrößeren Einnahmen mehr erreicht werden kann, als das 700-Millionen-Defizit des letzten Jahres nicht zu überschreiten, es sei denn, die Staatsausgaben ließen sich erheblich verringern und eine die Erwartungen übersteigende günstige Entwicklung würde den Geldfluß in den Staatssäckel anschwellen lassen.