T. K., Berlin

Was Natur oft kalt versagt, manchmal schenkt es die Kunst. „Sommer“ heißt das Bild von Hans Thoma im ersten Seitentrakt links des Dahlemer Museums. Beherrschend ein indigo-blauer Himmel, der den Eintretenden schon an der Tür grüßt, strahlend, ungetrübt, ewig, hoher Mittag. Untere Bildhälfte: Wiese mit Bach, links Liebespaar, rechts schlanke, junge Erle. Bildmitte: Baumgruppe, unten verbuscht, stark aufragend überm Bächlein, den Himmel teilend, ihn der Erde verbindend.

Man tritt an einem Schlecht-Wetter-Sonntag-Vormittag in diese Säle voller Farben und Gestalten. Der schwere Ernst von Rembrandts Mann mit dem Goldhelm, das rosige Fett Rubensscher Nuditäten, selige Schaukeln Fragonards, Menzels Flötenkonzert – wer schaute nicht und bewunderte pflichtschuldigst? Und da hängt nun der Thoma, so bunt, so warm, so lieblich Übergossen, das Herz geht einem auf, oh süße Idylle, mag’s Kitsch sein ein bißchen und simpel.

So jung das Pärchen, man tritt heran, ein deutsches Märchenbuch ist aufgeschlagen, das weizenblonde Mägdelein, einen rosa-weißen Rosenkranz im ganz gelösten Haar, ihr zu Füßen der Jüngling, zur Laute singend, das blaue Aug’ zum Himmel gerichtet, schwarzes Wams und rote Hosen. Sie schickt sich an, ein Kränzlein ihm in die Locken zu drücken, ihr rosarotes Kleid im grünen Gras, ihr weiter Ärmel, alles atmet Liebe, Freud’ und Jugend.

Da ist in uns ein tiefes, deutsch-gemütvolles Sehnen nach solcher Einsamkeit inmitten unbegangener Natur, nach kindlich-heitrer Liebesseligkeit, nach Unschuld aus dem Wunderhorn der Märchen.

Er war kein ganz Großer, nicht immer taktfest, unser Thoma. 1872 hat er diesen Traum von einem Sommer auf die Leinwand gebracht. Nicht, ohne rasch noch ein paar klitzekleine Englein in den großen Himmel zu zaubern, rechts oben, Pendant zum Liebespaar, ideale Gefilde – und dann auch noch ein bißchen Allegorie... Gleichviel, dies Sommerbild, es rührt; man wendet sich erquickt, erwärmt zur kalten Straße. Manchmal schenkt die Kunst, was uns Natur versagt.