Lipsi ist kein weiblicher Kosename, sondern ein neuer Modetanz, und zwar ein sowjetzonaler! Er wurde in Leipzig (daher „Lipsi“ nach dem lateinischen Stadtnamen Lipsia!) von einem Tanzlehrerehepaar geschaffen und kürzlich bei der Lauchhammer Tanzmusikkonferenz zuerst vorgeführt.

„Ja und?“, Modetänze gibt es schließlich mehr als genug. Aber daß sie im Rahmen eines von oben her fest gesteuerten Kulturprogramms entstehen und offiziell propagiert werden, findet eine Parallele nur in der damals von den Nazis ins Leben gerufenen und vergeblich gepriesenen „Deutschen Tanzmusik“. Der Zweck des Lipsi ist ähnlich: dem Rock’n’Roll und anderen westlichen Vergnügungen soll ein „volksnaher, bodenständiger, soziale Empfindungen widerspiegelnder“ Tanz entgegengehalten werden.

Die Kampagne ist in vollem Gange. Presse und Funk bewältigen ein tägliches Lipsi-Soll: „Tanz mit mir den neuen Lipsi-Schritt, denn das ist chic, denn das ist chic!“ Jenseits des Brandenburger Tores hängen Plakate, die zum Wettstreit der besten Lipsi-Tänzer und der schmissigsten Lipsi-Kapellen aufrufen. Lipsi-Noten werden schnell und mit Vorrang geliefert. Schallplatten sollen demnächst folgen, und in der Zonenpresse erscheinen Schrittzeichnungen und detaillierte Anleitungen für Lipsi-Anfänger. Die allem Allzuparteilichen eigene Langeweile, die provinzielle Müdigkeit sind unverkennbar in dieser Mischung von lateinamerikanischer Cha-cha-Vitalität und deutscher Walzerseligkeit. Aber immerhin, nun lipsit man zwischen Leipzig und Schwerin, und das ist sympathischer als FDJ-Marschlieder. Mit dem Lipsi-Schritt kommen sich die beiden Hälften einer durch die Zonengrenze geteilten Generation jedenfalls einen Schritt näher. H. W.