Die Mädchen der Jugendbrigade "Ethel Rosenberg" im VEB Kunstseidenwerk "Friedrich Engels" in Premnitz haben beschlossen, ihre Norm zu erhöhen. Im "Neuen Deutschland" steht zu lesen, daß die Arbeiterinnen in der Strangsortierung die Selbstverpflichtung eingegangen sind, künftig täglich 64 Prozent Seide erster Qualität zu sortieren.

Vielleicht sind durch die Hände eben dieser Jungbrigadieusen die Seidenstränge geglitten, aus denen das Campingmodell "Miami" gewebt ist, das Fräulein Evelyn gerade in der Stalinallee in Ostberlin zu den dezenten Klängen des Schlagers "Volare" vorführt, dessen Melodie von Bochum bis Chemnitz gepfiffen wird. Jungbrigade und Campingmode, Selbstverpflichtung und "entenschnabelroter" Luftanzug zur Blousonjacke mit halsfernem Kragen – der Gast aus dem Westen hat Mühe, sein Vokabular zurechtzuschütteln. Natürlich weiß er, daß auch im Reich der Planwirtschaft, der Jungbrigaden und Selbstverpflichtungen Mode gemacht wird; daß sie sich aber so adrett, so elegant und up to date ausnimmt, ist aus dem Straßenbild der Stalinallee nicht zu entnehmen.

Die Modelle, die auf der Ausstellung "Wassersport, Wochenend und Urlaubsfreuden" im Innern der Sporthalle gegenüber dem Stalindenkmal vorgeführt werden, sind mit der Realität des Draußen schwer in Einklang zu bringen. Diese Strand- und Campingmode wurde im Atelier von Heinz Bormann in Magdeburg entworfen. Die Strümpfe der Mannequins, sagt das Programm, hat der volkseigene Betrieb "Drei Tannen", die Mieder VEB "Format" in Staßfurt gemacht. Die Gäste der Schau werden aufgefordert, am "Bau des großen Urlauberschiffes" durch Kauf von Tombola-Losen mitzuhelfen, wofür als erster Preis eine "Reise in die Volksrepublik China" winkt.

Trotz des fremdartigen Vokabulars indessen unterscheidet sich, was hier an sommerlicher Sportmode vorgeführt wird, in Schnitt und Stil kaum von einer vergleichbaren Schau des Westens; höchstens in Dessin und Qualität der Stoffe ist eine Differenz vorhanden, obschon man Farben, Muster und Gewebe sieht, von denen man vor ein paar Jahren in der DDR noch nicht zu träumen gewagt hätte. Diese chicken einteiligen Badeanzüge mit tiefen Rückendékolletées, von gleich langen Blousonjäckchen und Capes begleitet, die auch als legere Strandröcke um die Hüfte gebunden werden können, die kann man sich nun freilich am Ostseestrand von Ahrenshoop oder am Müggelsee schwer vorstellen, eher schon am Mittelmeer oder anderen südlichen Gewässern, für die sie wohl auch vornehmlich gedacht sind. Das Auge auf den Export wird wachsam offengehalten. Wo in der DDR, außer in sehr exklusiven Kreisen des Berliner oder Leipziger Highlife, wären jene eleganten Hausanzüge zu tragen, die Bormann aus mausgrauem Samt oder rosa Ripsseide entworfen hat, begleitet von knielangem, gegürtetem Samtmantel oder von chinesischem Brokat im Kimonoschnitt? Die Jungbrigadieusen aus Premnitz könnten das gewiß nicht tragen. Eher schon hätten die jungen Arbeiterinnen für die Sportmodelle Verwendung, die für Rollschuh, Tennis, Federball oder schlicht für "Camping" entworfen sind. Ein populäres Modell wäre auch der Moped-Dreß mit dreiviertellanger blauer Cordsamthose und Blousonjacke, unter der ein Matrosenhemd zum Vorschein kommt, während die Golf- und Segelkleidung schon wieder exklusiver ist.

Die Modellkonfektion, von dem die Schau ein paar hochelegante Cocktailkleider mit Abendmänteln in Trapezform aus Kunstseidenbrokaten und -duchessen zeigt, ist Bormanns eigentliches Gebiet. Mit jenen eleganten Modellen, von denen das Werk in Magdeburg höchstens zehn Stück herstellt und die gelegentlich in den Spezialgeschäften einiger Zonen-Großstädte verkauft werden, hat er den Anschluß ans Exportgeschäft gewonnen. Cocktailkleider mit dem Etikett "Heinz Bormann" werden außer in die Ostblockländer auch nach Nahost und Skandinavien verkauft, während in Warenhäuser der Bundesrepublik gelegentlich eins der Bormann-Kleider aus der Serienfabrikation den Weg findet, von denen das Werk 300 täglich, neben 100 Kostümen, herstellt.

Heinz Bormann, ein unternehmender Vierziger, macht noch nicht lange Damenkonfektion. Erst im Frühjahr 1956 hat er damit angefangen, nachdem er vorher mit einigen aus dem Kriegsschutt geretteten Maschinen sich in Herrenkonfektion versucht hat. Um an Material, Aufträge und Maschinen zu gelangen, hat er im Oktober 1956 staatliche Beteiligung angenommen. Obschon die Hälfte seines Betriebes mit 300 Mitarbeitern nun dem Staat gehört, gilt Bormann als private Firma, die sich in harter Konkurrenz zur volkseigenen Industrie behaupten muß.

Zwar sind, wie er erklärt, Privatbetriebe mit staatlicher Beteiligung die rentabelsten Betriebe, doch wird hier auch – eben wegen der Konkurrenz der VEB’s – hart gearbeitet. So stellen die Entwürfe für die Ostberliner Camping-Schau, bei der Bormann als einziges Modehaus der DDR Modelle vorführt, schon seine dritte Sommerkollektion dar. Die erste zeigte er im Januar in Magdeburg und auf der Submission in Leipzig, die unserer Durchreise entspricht. Dann entwarf er für die Leipziger Messe 30 Modelle im Rahmen des Chemie-Programms, die ausnahmslos aus Kunstfasern wie Wollcrylon, Prelena und Lanon stammen, die, unserem Trevira ähnlich, in den Chemischen Werken von Agfa-Wolfen oder Schwarza hergestellt werden. Die dritte Kollektion ist jetzt die Schau von Strand- und Sportmodellen in der Stalinallee. Was hier gezeigt wird, ist nicht – außer wenn sich die stets erhofften Interessenten finden – unbedingt für die Fertigung bestimmt. Bormann will mit seiner Vorführung nur Anregung geben, Anregungen übrigens auch für die volkseigene Industrie. Und während Fräulein Evelyn, Fräulein Lia und Fräulein Roswitha in bunten Shorts und Faltenröckchen über den Laufsteg gehen, ist Heinz Bormann die Freude darüber anzumerken, daß man auch in Magdeburg nicht im Windschatten der modischen Entwicklung lebt. Sabina Lietzmann