Trotz Kant, trotz der Marburger Schule und trotz Husserl will es der Psychologie anscheinend nicht gelingen, die Grenzen ihres Forschungsbereiches einzuhalten. Seit Jahr und Tag treibt ein unerschütterlicher Psychologismus sein Wesen auf allen Zivilisationsgebieten; seit Jahren steht vor allem die Pädagogik unter der räsonierenden Einwirkung der Psychologie, besser: der Psychologen. Berechtigte Vorstellungen geraten durch Übersteigerungen ins Abwegige. Das alte Problem der Grenze stellt ein Psychologe in einer neuen, bemerkenswerten Wendung wieder zur Diskussion –

Konrad Wolff: „Psychologie und Sittlichkeit“; Klett Verlag, Stuttgart; 274 S., 15,50 DM.

Wolff zeigt, wie die Psychologie zwar in ihrem Sachgebiet und ihrer Methode deutlich begrenzt und „definiert“ ist, daß sie jedoch (und vor allem die Therapie) diese Grenzen immer wieder, wofern sie nicht in „sektiererischer Entartung“ erstarren will, transzendieren muß; diese Grenzüberschreitung besteht aber nicht in einer (unzulässigen) Ausweitung ihres Arbeitsgebietes, sondern in einer ständigen Berücksichtigung außerpsychologischer Gesichtspunkte. Darum kann der Therapie, wofern es ihr um die personale Einheit geht, die „Bewußtwerdung“ nicht genügen. Sie muß hinüberleiten in den Bereich des Sittlichen.

Zwar schließen Ethik und Psychologie als Forschungsgebiete einander aus; doch „erst auf der personalen Stufe kann es zu einer wirklichen Begegnung kommen, in der dann auch die sittlichen Faktoren wirksam werden“. Und dies gilt sowohl für den Arzt wie für den Patienten.

Die hier gestellte Frage ist zugleich von allgemeiner Bedeutung. Wolff tut für die Psychologie, was in der Medizin bereits seit Jahrzehnten am Werke ist. Er tut, was gelegentlich auch Soziologen (wie D. Riesman) in Besonnenheit betonen: daß gerade da, wo die Soziologie ernst genommen und ihre Grenze eingehalten wird, diese Grenze in nichtsoziologischer Absicht überschritten werden muß, wofern man Wirklichkeit erkennen will; denn das, was man so „Wirklichkeit“ nennt, ist keineswegs eine nur soziologische, wie es auch nicht eine nur medizinische oder nur psychologische ist. H. Hahne