Das Brandenburger Tor als Feldzeichen auch in der Zone

Berlin, Anfang April

Seit Chruschtschows Leipziger Besuch sind die Töne, die die sowjetdeutsche Propaganda gegenüber Berlin anschlägt, sanfter als vorher. Mehr als dies: Westberlin ist zur Zeit auf ein propagandistisches Nebengleis abgeschoben worden, während die volle Kanonade der Werbung und Beschimpfung auf die Bundesrepublik gerichtet worden ist. Werbung für den Friedensvertrag und um die Kampfgenossenschaft der SPD; Beschimpfung von Regierung, Justiz und Militär, in denen es angeblich von alten Nazis wimmele.

Berlin dagegen wird gleichsam nur am Rande einbezogen. Natürlich sammeln die Ostberliner Zeitungsreporter noch immer fleißig Westberliner Stimmen, die sich für das Projekt der „freien Stadt“ verwerten lassen. Die Motive dafür, so scheint es, sind jedoch immer schwerer zu beschaffen und erschöpfen sich stereotyp in dem stets wiederholten finsteren Bild angeblich wirtschaftlichen Niedergangs, den die Befragten mehr oder weniger präzise schildern. Da ist von Betriebsentlassungen die Rede, von Auftragsschwierigkeiten oder davon, daß westdeutsche Werke „im Raum Westberlin sehr vorsichtig disponieren“. Die Skandalmeldungen von westwärts transferierten Konten, von Massenentlassungen bei Westberliner Betrieben oder von den Interzonenstraßen, die mit den Autos flüchtender Westberliner Geschäftsleute verstopft seien, tröpfeln nur noch spärlich. Der Nervenkrieg, den man noch vor drei Wochen heftig anschürte, ist abgeebbt und einer vergleichsweise milderen Stimmung gewichen.

Die Redner der Partei, die auf Ostberliner Forumgesprächen mit angeblich Westberliner Bürgern die Diskussionen leiten, haben Drohung gegen Werbung ausgewechselt. Paul Verner, erster Sekretär der Berliner SED-Bezirksleitung, schilderte seinen „Schöneberger Hörern“ die Vorzüge des Friedensvertrages und der Kampfgenossenschaftder Arbeiterparteien. Nicht mehr der Kapitalistenschreck wird an die Wand gemalt, sondern die Gemeinsamkeit des friedlichen Interesses. Chruschtschow hat Schule gemacht: sein Leipziger Besuch hat selbst die Firma Krupp, die bisher noch immer unter die Hauptfeinde gerechnet wurde, entdämonisiert und unter die Waffenbrüder gerückt. Karl Eduard von Schnitzler konnte in einer Diskussion mit Weddinger Arbeitern jeden, der mit „friedlichen Absichten“ nach Ostberlin kommt, willkommen heißen, „auch Herrn Krupp, wenn er nicht mit Kanonen, sondern mit Kochtöpfen oder Walzstraßen kommt“.

Bei dieser neuen sanften Tour bedient man sich nicht ungeschickt des Brandenburger Tors als Feldzeichen. Offenbar gesteht man selbst in der Sowjetzone der westdeutschen Aktion „Macht das Tor auf so viel Erfolg und Werbungskraft zu, daß man in ihrem Windstrom mitzusegeln hofft und sich den populären Slogan flugs zu eigen macht. Diese neue Technik hatte ihr Debüt nach Ollenhauers Besuch bei Chruschtschow. Für Freunde des Friedens, heißt es seither, sei das Brandenburger Tor stets weit geöffnet und geschlossen nur „für Imperialisten mit Atombomben“. So hört und liest man es auf Diskussionen in Ostberlin, in Leitartikeln der Zonenpresse, auf dem Arbeiterjugendkongreß in Erfurt. Die Reporter der Ostberliner Presse und des Funks eilen durch Westberlin auf der Suche nach „Friedensfreunden“, durch deren Mund sie die Vorzüge der freien Stadt anpreisen können.

Doch die Westberliner irritiert das nicht. Sie sind gegen Pankows Lockungen ebenso immun wie gegen seine Drohungen. S. L.