Hielscher beredete den Freund: „Nur wenn du bleibst, kannst du Sand in das Getriebe der Versuchsbefehle und der Versuche selber werfen. Dein Nachfolger würde es weder können noch wollen.“ Damit hat er den Freund vor eine schreckliche Entscheidung gestellt. Nur wer so selbstlos, so aufrichtig, so zum eigenen Opfer bereit war wie Hölscher, durfte sich vermessen, einem anderen diese Entscheidung zuzumuten.

Später habe ich mit Hielscher lange Gespräche darüber geführt, ob ein Mensch das Recht hat, einem anderen solche Zumutung aufzubürden, und ich habe die Seiten seines Buches, die seine qualvoll gewissenhafte Selbstprüfung in dieser Frage offenbaren, wieder und wieder gelesen, mit Herzklopfen, ich gestehe es – und auch mit übrigen, die keine Antwort fanden.

Ich las in Hielschers Buch seine unheimlichen Erfahrungen im Getto von Lodz, in das er mit Hilfe des Freundes Sievers unter dienstlichen Vorwänden eindringen konnte, um womöglich einige jüdische Freunde zu retten. Dies Erlebnis fängt gleich einem Brennspiegel die unentwirrbare Verstrickung ein: wie in der antiken Tragödie muß das Böse fortzeugend Böses gebären; Schuld und Unschuld sind schicksalhaft miteinander verstrickt: auch das Opfer wird unschuldig-schuldhaft; ja, es wurde unter Umständen zum Vollstrecker der Opferung anderer.

In diesem Lager begegnet Hielscher dem jüdischen Lagervorsteher Runkowski und dem Kommandeur der jüdischen Gettopolizei, Rosenblatt. Er vertraut ihnen den wirklichen Zweck seines Besuches an, und sie glauben ihm. Sie machen ihn in ihrer unsäglichen Not zum Gewissensrichter und lassen ihn dadurch sein eigenes Gewissensproblem erst richtig erkennen. So oft ein „Judenzug“ aus dem Reich oder den besetzten Gebieten eintrifft, muß Rosenblatt binnen einer Woche die den Ankömmlingen gleiche Zahl von Juden aus dem Getto zum „Umsiedeln“ benennen. Was „umsiedeln“ meint, versteht sich, ohne Bezeichnung der grausigen Todesart.

Rosenblatt, der an einen Gott glaubt, vor dem er das verantworten muß, sucht bei einem, der von außen kommt, Rat und Zuspruch. „Ich muß“, sagt er, grau im Gesicht, „die Leute dazu aussuchen. Weigere ich mich, so werde ich erschossen. Das ist also für mich die einfachste Lösung. Aber was geschieht dann? Die SS hat es schon gesagt: dann sucht sie aus. Dann würden zuerst die Schwangeren, die Rabbiner, die Schriftgelehrten, die Professoren, die Dichter ‚umgesiedelt‘. Bleibe ich aber“, sagt Rosenblatt, „so kann ich die Freiwilligen nehmen. Oft drängen sie sich. Und manchmal habe ich soviel beisammen, wie ich melden muß. Manchmal auch sind es weniger. Dann kann ich die Sterbenden nehmen, die mir von den jüdischen Ärzten benannt werden, und reichen die nicht aus, dann die Todkranken. Aber wenn auch die nicht reichen, was dann? Dann kann ich die Kriminellen nehmen; aber wer wird hier nicht kriminell? Ein Laib Brot kostet nach unserem Gettogeld dreihundert bis fünfhundert Mark. Ich kenne Mütter, die um eine Scheibe Brot, damit ihr Kind nicht verhungere, den Nachbarn anzeigen. Wer will da richten? Und doch: Wenn ich nun die volle Zahl nicht anders erreiche? Oft geht es ohne die Kriminellen. Aber nicht immer. Und zu Zeiten reichen nicht einmal sie aus. Dann kann man die Uralten nehmen. Aber was ist das für ein Maßstab? ...

Ich habe die Gemeindeältesten befragt, die Rabbiner, die Schriftgelehrten; sie haben mir alle gesagt: du handelst richtig, bleib und such so aus, wie du es dir zurechtgelegt hast. Ich habe die Gemeinden gefragt, in die wir das Getto eingeteilt haben, ich habe die alten Leute gefragt, die Verurteilten, die Todkranken: sie haben mir alle zugestimmt. Herr Hielscher, und doch bin ich meines Lebens nicht mehr froh. Ich beschwöre Sie bei dem Gotte, an den Sie glauben: wissen Sie einen besseren Weg als den, den ich gefunden habe, so sagen Sie ihn mir, und ich will Sie segnen Tag und Nacht.“

Um solche Frage zu beantworten, muß einem viel Zeit gelassen werden. Erst später – eine an die letzten Dinge rührende Aussprache mit dem weisen alten Rabbi Feiner liegt dazwischen – gibt Hielscher auf zehrendes Drängen dem so schwer Beladenen seine Antwort: die Absolution. „ ,Sie haben recht getan. So wahr mir Gott helfe. Handeln Sie weiter so wie bisher. Es gibt keinen anderen Weg. Sie sind gerechtfertigt vor Gott, wenn Sie ihn gehen. Ich würde es auch nicht anders tun!‘ Das war der 28. 9. 1941. Ein Jahr später wurde ich beim Wort genommen.“