Auf dem Dach der Welt wiederholt sich Ungarns Schicksal

In Tibet herrscht Revolution. Ein freiheitsliebendes Volk kämpft um seine Unabhängigkeit. Die Tragödie, die sich in den letzten Wochen auf dem "Dach der Welt" abspielte, hat aufs neue das Bild jener blutigen Herbsttage heraufbeschworen, in denen sowjetische Panzer die ungarische Erhebung unerbittlich niederwalzten.

Während hierzulande die Osterglocken läuteten, brannten in dem weltfernen Himalajastaat die Klöster und Wohnhäuser, die von chinesischen Bombern in Schutt und Asche gelegt worden waren, und die Gefängnisse füllten sich mit verhafteten Mönchen und Bergbewohnern. Durch die Gebirge im Südosten des Landes irrt unterdessen der 24 jährige Dalai Lama, der "Ruhmreiche König" Tibets. Vier oder fünf Mitglieder seines Kabinetts begleiten ihn, der – so heißt es – sich bei einem Sturz schwer verletzt hat.

Ngawang Lobsang Jischey Tansing Gyatso, wie der offizielle Titel des weltlichen und geistlichen Oberhauptes der Tibeter lautet, sei von "reaktionären Verrätern" entführt worden, behauptet Radio Peking. Aus Kalimpong und Darjeeling jedoch, den beiden indischen Städten an der tibetischen Grenze, die in den letzten Tagen zur Nachrichtensammelstelle geworden sind, ist es anders zu hören: Der Dalai Lama sei geflüchtet, um sich dem Zugriff der Chinesen zu entziehen.

Es ist nicht das erste Mal, daß der Dalai Lama vor den Chinesen flieht. Schon im Oktober 1950, als die Truppen Mao Tse-tungs in Tibet einrückten, um – laut Radio Peking – "die drei Millionen Tibeter aus der imperialistischen Unterdrückung zu befreien", war er vor der Besatzungsarmee geflüchtet. Acht Monate lang hielt er sich damals im grenznahen Südtibet auf. Doch als die Vereinten Nationen sich gegenüber seinem Hilferuf taub stellten, arrangierte er sich 1951 wohl oder übel mit den neuen Herren in Peking und anerkannte deren Oberhoheit über Tibet.

Die Tibeter haben sich allerdings mit der fremden Besatzung nie abgefunden. Die Unterwanderung der Regierung, die wirtschaftliche Durchdringung, die ideologische Schulung, die Verächtlichmachung ihrer Religion – all das ist ihnen zutiefst zuwider. Kein Wunder, daß es von Anfang an Aufstände gab, vor allem im Nordosten, wo der kriegerische Bergstamm der Chambas lebt. Sie erhoben sich 1956 und erneut 1958. Letztes Jahr sollen sie – nach einem mißglückten Marsch auf Lhasa – das ganze Brahmaputra-Tal unterhalb der Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Der Dalai Lama schwieg dazu, sein Schweigen aber mißfiel der Besatzungsmacht. Doch der "Gottkönig" weigerte sich, die Aufständischen zu verurteilen, wie die Chinesen das von ihm verlangt hatten. Für den 10. März lud ihn daraufhin der Oberkommandierende zu einer Theatervorstellung im chinesischen Hauptquartier ein. Besser: er lud ihn vor, denn der König sollte ganz allein erscheinen.