S. L., Berlin

Von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor stauten sich die parkenden Wagen, die meisten mit westdeutschen, auch ausländischen Nummernschildern; die Straßen zwischen Hilton-Hotel und Gedächtniskirche waren verstopft, und über den Kurfürstendamm strudelte der Menschenstrom: Berlin erlebte über Ostern eine Touristeninvasion, die alle Nachkriegsrekorde brach.

Schon am Karfreitag waren Hotelzimmer ausverkauft, und das Verkehrsamt mußte über Rundfunk die Berliner bitten, mit Privatquartieren auszuhelfen. Rund einhunderttausend Gäste waren mit Autos, Interzonenzügen und auf dem Luftweg in die Stadt gekommen, eine Zahl, die nur während der Interbau im Sommer vor zwei Jahren annähernd erreicht worden war. Diesmal freilich hatte die Stadt keine Attraktion zu bieten außer sich selbst.

Diese Attraktion wurde gründlich besichtigt. Die Besucher wanderten über die Freitreppe der Kongreßhalle und durchs Pergamonmuseum, fuhren über Havelchaussee und Stalinallee. Berliner Wagen, mit Gästen aus dem Westen vollbesetzt, Autobusse mit Schul- und Jugendgruppen von Kiel bis München, auch ausländische Touristenbusse, vornehmlich aus Skandinavien, durchquerten die Stadt von Tegel bis Tempelhof. Sie parkten vor den Ausflugslokalen an der Havel und in endloser Schlange vor der Glienicker Brücke an der Grenze nach Potsdam.

Was diese Tausende nach Berlin getrieben hat, ist schwer zu ergründen. Nicht alle hatten Freunde oder Verwandte hier, und viele kamen zum ersten Male nach dem Krieg. Mancher mag befürchtet haben, daß diese Osterfeiertage die letzte Chance zum unbehelligten Besuch sein könnten und führte den lange aufgeschobenen Plan nun eilig aus. Und ganz sicher hat sich das Unternehmen „Macht das Tor auf!“ hier in einer Weise ausgewirkt, die die Veranstalter selbst überrascht haben mag. Mit so tatkräftiger Wirkung war gewiß nicht zu rechnen. Zahllose Bundesdeutsche beschlossen, in Augenschein zu nehmen, wovon soviel die Rede ist, und reisten statt nach Italien nach Berlin.

Für die Hunderttausend, die die Ostertage in Berlin verbrachten, hat sich ein politisches Symbol mit Leben gefüllt...