Wie weit sich Theologie mit tiefer Literaturkenntnis und feinsinniger Interpretation verträgt, zeigt ein liebevoll und schlicht gearbeitetes Bändchen –

Romano Guardini: „Gegenwart und Geheimnis – Eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard Mörikes“; Werkbund-Verlag, Würzburg; 116S., 7,80 DM.

Zunächst soll der Mörike-Leser von der Vorstellung eines Schöpfers formschöner, spielerischer Idyllen befreit, soll ihm statt dessen ein Dichter gezeigt werden, der in einem lyrischen Bild Motive zu berühren weiß, die weit zurückreichen zum Urzustand von Mensch und Ding, zur mythologischen Deutung des Ur-Beginns.

Wer würde Mörikes Gedicht „Auf eine Lampe“ nach dem ersten flüchtigen Gentiß anmerken, daß der Dichter darin eine philosophische Frage auf seine Weise beantwortet!

Guardini interpretiert nicht um des Interpretierens willen: „Unsere Zeit ist voll von Kräften, die ins Werk drängen, aber nicht wissen, wie das in gültiger Weise geschehen könne“ – auch in diesen hundert Seiten, um Mörike soll, wie auf jeder Seite Guardinis, eine Haltung rehabilitiert werden, die gegen geistige Verarmung ankämpft, in diesem Fall gegen das „Alexandrinertum“, das sich damit begnügt, „zu verstehen, was andere hervorgebracht haben“.

Daher auch am Schluß des Bandes die Begründung des eigenen und jedes sinnbewußten Deutens fremder Dichtungen; entscheidender als alle philologische Akribie ist „jene Tugend, in welcher Piaton den Charakter der Reife sieht, die Sophrosyne, die Wachheit geistiger Verantwortung“. T.H.