Dd, Wiesbaden

Was Pinspotter sind und warum es sie bisher in Europa nicht gegeben hat – wenigstens keine automatischen Pinspotter –, das war mir nicht klar, bis mich die Einladung (auf bestem Bütten) zu einer Pressekonferenz mit kleinem Imbiß und anschließender Besichtigung der ersten automatischen Pinspotter Europas erreichte. Allerdings, sie erreichte mich zu spät, und so versäumte ich nicht nur den Imbiß, sondern auch eine nähere Erläuterung jenes Wortes, von dem der Autor meines recht dickleibigen englischen Wörterbuches nichts gewußt zu haben scheint. (Später wurde ich aufgeklärt: Pinspotter könne man mit „Kegeljunge“ übersetzen).

Eine zweite Einladung verwies mich auf die feierliche Eröffnung der ersten automatischen Pinspotter-Alley in Europa unter der Schirmherrschaft des obersten Kommandos der amerikanischen Luftstreitkräfte in Europa, Sitz Wiesbaden. Der Posten am Kasernengelände wußte Bescheid, er hatte schon einen Teil der internationalen Presse durchgeschleust. „Pinspotters?“ fragte er, „OK, ssweite Weg links, große Haus.“

Ich befand mich in einem Gebäude mit sechs großartig angelegten Edelholz-Kegelbahnen. Der Subdirektor der größten Fabrik für automatische Pinspotter stellte der Presse und den Ehrengästen einige höhere Stabsoffiziere der amerikanischen Streitkräfte vor, die das Unternehmen wesentlich gefördert hatten. Einer der Militärs schnitt sodann ein quer über sämtliche Kegelbahnen gespanntes Band durch und warf mit goldener Kugel nach einer Gruppe von Kegeln. Vier fielen um.

Nun muß man wissen, daß früher in Europa bei solchen Gelegenheiten zumeist ein wirklicher Pinspotter, nämlich ein Kegeljunge, aus dem Hintergrund trat und den angerichteten Schaden diskret wieder beseitigte. Anders verhält es sich bei der automatischen Pinspotter-Alley: da erscheinen zunächst in Leuchtschrift am Ende der Bahn genaue Angaben nicht nur darüber, wie viele, sondern auch welche Kegel umgefallen sind: in diesem Falle der hinterste außen links, die beiden mittleren Halblinken und so fort. Außerdem zeigt die Leuchtschrift unfehlbar an, daß es sich um den ersten Wurf des ersten Spielers gehandelt hat. Wirklich, ein toller Apparat.

Aber das Beste kam noch: Über das Bahn-Ende schob sich eine breite Eisenschiene und harkte sämtliche Kegel, gefallene wie stehende, nach hinten auf ein Förderband. Dann senkte sich von oben ein mächtiger Metallrahmen über den Standplatz der Kegel und entließ aus zehn Greifarmen – in Amerika begnügt man sich nämlich nicht mit „allen Neunen“ – einen neuen Satz Kegel auf die vorbestimmten Plätze, während die „verbrauchten“ zehn über eine Förderanlage wieder dem nunmehr entleerten Auffüllrahmen zugeführt wurden.

Die Pressekonferenz nahm hinter den Bahnen ihren Fortgang: dort sah und hörte man die mit gewaltigem Getöse arbeitenden Pinspotter-hutomaten, von denen jeder die Größe einer mittleren Rotationsmaschine erreicht. Ein Gewirr aus Relais und Drähten, Elektromotoren und Widerständen, Kontrollmechanismen und Förderaggregaten vervollständigte das Ganze. Der Hersteller der „größten automatischen Pinspotteranlage der Welt“ sprach die Hoffnung aus, daß das Beispiel, das die amerikanischen Luftstreitkräfte Europa gegeben haben, alsbald auch im zivilen Kegelleben des alten Kontinents Nachahmung finden möge.

Damit wird es allerdings noch einige Weile haben. Die Gastwirte und Bundeskegelbahn-Inhaber an beiden Rheinufern scheinen halsstarrig daran festzuhalten, daß ihre minderjährigen Söhne sich weiterhin als Pinspotter im eigenen Haus das Sonntagsgeld verdienen. „Lieber noch einen Fernseher und eine neue Musikbox, aber so ein Spinnpotter kommt mir nicht ins Haus“ erwiderte einer der Wirte auf meine Frage. Ist solche Rückständigkeit denn zu begreifen?