Von Barbara Bondy

Dem traditionellen, tiefen Mißtrauen, das bei uns zu Lande die offizielle Kritik und das literarische Publikum vor einem Unterhaltungsroman befällt, wird häufig und nicht ganz logisch die Klage entgegengesetzt, daß eben solche Bücher von Qualität in deutscher Sprache nicht geschrieben würden. Klage und Mißtrauen verstärken sich, wenn dazu noch der Verdacht kommt, es mit einem Frauenroman zu tun zu haben – dies übrigens zu Recht: unsere „Handbücher des Frauenlebens“ sind oft von ertragloser und unerträglicher Plattheit.

Nun liegt ein Buch vor, das alle Merkmale besitzt, die literarisches Mißtrauen von der gemeinten Art erregen: es ist Unterhaltungslektüre, vor allem für weibliche Leser geschrieben und nicht aus dem Englischen übersetzt; es scheut Profundes und Pseudoproblematik; es beschäftigt sich nicht mit Genealogie, was bei dem ausgeprägten Sinn des deutschen Publikums für epische Breitleinwand – von den Barrings zu den Brooms – als herber Verzicht gewertet werden muß.

Trotz allem kann ich nicht anders als feststellen, daß es sich um ein bezauberndes Buch handelt:

Isabella Nadolny: „Ein Baum wächst übers Dach“; Paul List Verlag, München; 292 S., 12,80 DM.

Es ist ganz einfach die Geschichte eines Hauses: eines blonden Holzhäuschens an einem oberbayrischen See. Dieses Häuschen war ursprünglich als Sommerwohnung gedacht, vor langer Zeit einmal, und wurde im Laufe der Jahre zu einem echten Haus „von Regen und Schnee geschwärzt, würdig gealtert, zu einem Anwesen, zu einer Heimat, in der man lebte und starb“

Zu dem Haus gehört die Geschichte einer Frau, die in den zärtlichen Traumgespinsten einer Höheren Tochter der Vergangenheit erzogen wurde, in denen ein weißer und ein schwarzer Straußenfederfächer, die perfekte Beherrschung des Französischen und eine Villa am Cap d’Antibes eine Rolle spielten, und die es langsam lernt, Traumgespinste zu zerreißen und der Wirklichkeit zu Leibe zu gehen.