Der deutsche Antisemitismus läßt sich schwerlich statistisch messen. Er läßt sich allenfalls deuten. Aber man darf sich dies nicht allzu leicht machen. Es genügt nicht, die häßlichen Vorkommnisse, die meist erst durch Gerichtsverhandlungen an die Öffentlichkeit kommen, als Einzelfälle abzutun und sich im übrigen zu beruhigen. Es genügt auch nicht, aus einer Häufung dieser Fälle auf ein bedrohliches Anwachsen antisemitischer Strömungen, auf einen Neo-Antisemitismus zu schließen.

Der Antisemitismus war niemals tot in Deutschland. Das gilt sowohl für seine eher konventionelle Form, die es überall in Europa und erst recht in den USA gibt, wie für seine höchst bösartige nationalsozialistische Spielart. Die konventionelle Form mit ihrem „man liebt die Juden nicht, man haßt sie auch nicht gerade, aber man meidet sie“ kann hier kaum interessieren. Es wäre schon viel gewonnen in Deutschland, wenn nichts anderes als sie zu finden wäre, wenn also ein Zustand wieder erreicht wäre, wie er etwa vor 1914 typisch war, und wie er heute noch außerhalb Deutschlands typisch ist. Auch das wäre, hier wie überall, kein schöner Zustand, aber es wäre auch nichts Bedrohliches. Aber um den Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung muß man sich ernste Sorgen machen.

Auch er ist nicht tot. Es ist ein Restbestand übriggeblieben. Nicht Millionen hängen ihm an, aber sicher Zehntausende. Genaueres läßt sich nicht schätzen. Die Übriggebliebenen finden sich in den Jahrgängen über vierzig. Sie finden sich soziologisch vor allem im Mittelstand, kaum in der intellektuellen, politischen und wirtschaftlichen Oberschicht, auch nicht in der Arbeiterschaft. Es sind die Verstockten und Vertrotzten, die sich vom Haß nähren und sich von ihm nicht lossagen wollen.

Auch der Zusammenbruch von 1945 hat sie nicht überzeugt. Manche von ihnen glauben an düstere Verschwörungen, an „überstaatliche Mächte“. Meist sind es geistig mittelmäßige, im Lebenskampf nicht überaus erfolgreiche Menschen. Kleinere Gewerbetreibende sind darunter, auch Bauern, Angestellte, Beamte, leider nicht zuletzt Lehrer.

Es brodelt dumpf in den Hirnen dieser Unbelehrbaren. Sie wollen einfach nicht ganz unrecht gehabt haben mit ihrem Naziglauben. Denn wenn sie sich nicht an ihn klammern, so bleibt ihnen nichts. Und so verharren sie auch heute noch bei ihrem: „Die Juden sind an allem schuld.“

Dies ist der alte Sumpf und keine neue Welle. Die Häufung der Fälle ist kein Gegenbeweis. Sie zeigt nur, daß die Alt-Nazis und Alt-Antisemiten neuerdings weniger Hemmungen haben als in den Jahren unmittelbar nach dem Zusammenbruch. Sie wagen sich eher wieder hervor, zumal in Wirtshäusern, wenn der Alkohol die Zungen löst. Je enthemmter sie sind, desto lauter werden sie bis zu dem scheußlichen: „Schade, daß sie dich nicht auch vergast haben.“

Man könnte annehmen, – daß eine Reihe harter Gerichtsurteile die Hemmungen wieder zunehmen läßt. Dann werden die Verstockten es vorziehen, ihren bösen Unsinn unter sich auszupacken. Und die Öffentlichkeit wird dann kaum etwas davon erfahren, wie sie auch in der Besatzungszeit kaum etwas davon erfuhr.- Manche gehen vielleicht noch weiter und vertrauen einfach darauf, daß in zwanzig oder dreißig Jahren der ganze Spuk verflogen sein wird, dann nämlich, wenn die Alt-Nazis auf natürlichem Wege ausgestorben sind.