A. D., New York, im April

Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Problem, ob eine chronische Dollarknappheit in der ganzen Welt unausweichlich sei, ein beliebtes volkswirtschaftliches Unterhaltungsthema. Heute stellt sich die Frage, ob Dollars nicht bald in solchem Überfluß vorhanden sein werden, daß die Nachfrage weit hinter dem Angebot zurück bleibt.

Vor allem in Europa macht man sich darüber Gedanken. Verschiedene europäische Zentralbanken haben ihre Dollar-Guthaben abgebaut und statt dessen beim amerikanischen Schatzamt Gold gekauft. Durch diese Prozedur verlieren die Notenbanken zwar den kleinen Zinsertrag, den ihnen die amerikanischen Schatzwechsel oder Bankguthaben bis dahin eingebracht haben. Aber sie genießen dafür ein neues Gefühl der Sicherheit, da sie nun auf eine Dollar-Abwertung, oder, anders betrachtet, auf eine Erhöhung des Dollar-Preises des Goldes vorbereitet sind. Möglicherweise haben einige Zentralbanken auch Dollarin Sterling-Guthaben verwandelt. Diese erbringen zwar einen kleinen Zinsertrag, bieten aber keinen Schutz gegen eine Heraufsetzung des Dollar-Preises für Gold.

Derartige Spekulationen werden nicht allein von den Notenbanken vorgenommen. Die Europäer sind gegenüber Dollar-Anlagen vielmehr im Augenblick ganz allgemein skeptisch eingestellt. Die Skepsis spiegelt sich beispielsweise darin wider, daß selbst in den Ländern mit Inländer-Konvertibilität, die ihren Einwohnern, wie die Bundesrepublik, die Kapitalausfuhr erlauben, keinerlei ausgeprägten Käufe von amerikanischen Wertpapieren festzustellen sind.

Obwohl die spekulativen Operationen gegen Dollar-Werte zu einem guten Teil von Europa ausgehen, sind deren Ursachen in der amerikanischen Entwicklung selber zu suchen. Im Grunde handelt es sich um zwei Hauptursachen. Die eine ist die Furcht vor einer anhaltenden Inflation in den USA. Die andere ist die Angst, daß die Vereinigten Staaten kurzfristige Dollar-Schulden in einem Ausmaß eingehen, das nicht mehr bewältigt werden kann. Diese Gefahr würde dann aktuell, wenn das gegenwärtige Zahlungsbilanz-Defizit der USA anhalten sollte.

Ein beunruhigendes Merkmal der amerikanischen Stagnation ist das anhaltende leichte Steigen der Preise – bei einer Arbeitslosenquote von zeitweilig nahezu acht Prozent der werktätigen Bevölkerung. Die Ansicht, die Inflation sei in erster Linie auf hohe Ausgaben und einen Nachfrageüberhang zurückzuführen, hat daher an Boden verloren, und die Überzeugung, „gelenkte“ und „gestoßene“ Kosten und Preise seien für die Inflationserscheinungen verantwortlich, herrscht jetzt vor. Es wäre auch zum mindesten kühn, angesichts der reichlichen ungenutzten Kapazitäten von einem Nachfrage-Überhang zu sprechen, (Ein Kongreß-Komitee hat vielmehr behauptet, die amerikanische Produktion könne gegenwärtig ohne inflationäre Folgen um 25 v. H. gesteigert werden.)

Die europäischen Zweifel haben zahlreiche Amerikaner angesteckt und dazu verleitet, sich an der Anti-Dollar-Spekulation zu beteiligen. Zwar ist der private Goldkauf in den USA selbst verboten, aber es gibt zahlreiche Ausweichmöglichkeiten, wie beispielsweise Goldkäufe im Ausland, Gold-Termingeschäfte oder der Erwerb der Aktien von Goldminen. Zudem hat sich eine Bewegung in europäischen Wertpapieren angebahnt, die gewisse Kennzeichen einer Kapitalflucht trägt. Wenn dieser Kapitalabfluß, gemessen an amerikanischen Maßstäben, auch bescheiden ist, so ist er doch für die europäischen Zahlungsbilanzen von beträchtlicher Bedeutung. Die Käufe von europäischen Werten dürften allerdings kaum das Ausmaß der zwanziger Jahre annehmen – zu viele Amerikaner haben sich damals die Finger verbrannt ... (Siehe auch S. 13.)