Die von Manfred George in der deutschamerikanischen Zeitung „Aufbau“ gestellte Frage ist ein Glied einer langen, langen Kette von Fragen immer wieder des gleichen Inhalts: Wie haltet ihr’s mit den Juden?...und Auschwitz? .. und Belsen? ... und Theresienstadt? Es folgen noch viele andere Namen kleiner Dörfer und Städtchen, die zu Mahnmalen des Schreckens geworden sind.

Jedem von uns ist diese Frage inzwischen einige hundert Male gestellt worden; und jeder von uns steht immer wieder von neuem recht hilflos vor dieser Frage – sofern er sich nicht damit aus der Affäre zieht, vom Antisemitismus jener anonymen Verbrecherbande zu reden, von jenen also, die seit 1945 bei uns „die anderen“ heißen.

Was heißt „uns“ – wer sind wir? Als Hitler die Macht übernahm, waren wir, vom Jahrgang 1921, Quartaner. Dichter wie Heine und Schriftsteller wie Tucholsky gefielen uns besonders gut: nicht weil sie „Juden“ und als solche „verboten“ waren, sondern weil sie uns erfreuliche und erfrischende Abwechslung boten zwischen all dem sentimental Heroischen, das während unserer Schulzeit von den großen Glocken klang, an die man es gehängt hatte.

Dann schrieb mein Freund Frank Ulrich Fürth, genannt Fuf, eines Tages aus Berlin, es sei für uns besser, Briefaustausch und Freundschaft jetzt eine Weile ruhen zu lassen. Das verstanden wir gar nicht. Dann kam Esther eines Morgens mit verweinten Augen: im Geschäft ihres Vaters seien während der letzten Nacht alle Scheiben eingeworfen werfen. Da waren wir schon Sekundaner: traurig, angewidert, empört von etwas, was wir für wieder eine jener Gemeinheiten hielten, an denen die Welt der Erwachsenen nicht arm zu sein schien. Als es dann richtig, losging in den Konzentrationslagern, marschierten wir durch Polen und Rußland und Frankreich.

Was war unser „Verhältnis zu den Juden“? Unter unseren Freunden waren, sofern wir in einer Großstadt lebten, sicher Juden, und unter unseren Feinden, wenn wir welche hatten, wahrscheinlich auch. Wir wußten das damals nicht – wir wissen es auch jetzt noch nicht! Ganz gewiß kenne ich heute viele Juden; manche davon habe ich gerne, andere weniger gerne (worin sie sich von Katholiken, Protestanten und Heiden kein bißchen unterscheiden). Manchmal sagt man mir’s von dem einen oder anderen: „Ist er nicht Jude?“ Manchmal sagt es mir der eine oder andere selber: „Sie wissen, ich bin Jude.“ Es ist mir so völlig gleichgültig.

Und darin wenigstens darf ich mich für „typisch“ halten. Für uns, die wir als Töchter und Söhne sogenannter gutbürgerlicher Familien in deutsche? Städten während des Hitlerreiches groß geworden sind, hat es eine „Judenfrage“ nie gegeben. Und ich glaube: sogar diejenigen von uns, die an der Idee des Dritten Reiches der Deutschen mit achtzehn Jahren vieles fanden, was sie begeisterte-, sind nie Antisemiten gewesen. Nirgendwo habe ich in meiner Generation je „Antisemitismus“ gefunden: nicht unter den Gymnasiasten 1933 bis 1938, nicht unter den Soldaten 1938 bis 1945, nicht unter den Studenten 1945 bis 1950, nicht unter den Journalisten 1950 bis 1959. Und in der noch jüngeren Generation sieht es – all meinen Beobachtungen nach – genauso aus.

Nur bleibt den heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen darüber hinaus sogar noch die Frage erspart: Was hätten wir Siebzehnjährigen damals, als in Esthers Elternhaus die Scheiben eingeschlagen wurden, tun können? Für uns Vierzigjährige ist das eine noch heute oft quälende Frage – sie hat viel mit Charakter und Courage, aber absolut nichts mit Antisemitismus zu tun.