Von Günter Blöcker

Menschenandacht von Himmelsvisionen überwölbt. Der in den Boden verwurzelte und zugleich sich ins Unendliche reckende Mensch. Das Panische und das Heilige in den Widerspruch einer Gestalt gebannt. Das ist die Kunst Ernst Barlachs, auch die des Erzählers Ernst Barlach. Sie ist vorwiegend figural. Das bindet den Bildhauer an den Dramatiker, den Dramatiker an den Erzähler; und insofern wirkt der auf die Dramen folgende erste Prosaband der Piper-Ausgabe

Ernst Barlach: „Die Prosa I“; R. Piper & Co Verlag, München; 526 S., 28,– DM,

nicht als Übertritt in ein andersgeartetes künstlerisches Medium, sondern eher als Variante, als organische Vielfalt ein und desselben.

Der Band enthält vorwiegend frühe Prosa, darunter den Romantorso „Seespeck“ (1913/14) und das Russische Tagebuch (1906/07), sowie – als Ouvertüre – die autobiographische Skizze „Ein selbsterzähltes Leben“ aus dem Jahre. 1927. Sie ist das späteste und reifste Stück dieser Sammlung – Bildhauerprosa von originalem Rang.

Gleich der erste Satz „Großvater Barlach hatte Liebeskummer, und seine Söhne wachten mit ihm und halfen seufzen“ ist mehr als ein. episches Faktum oder das Anheben eines Berichts – es ist eine Figurenkomposition. „Wachten mit ihm und halfen seufzen“ schließt die Spieler zur Gruppe zusammen. Aus dem kargen ersten Kapitel von knapp zwei Seiten stürzt ein Menschenüberfluß: der Großvater und der Vater, die beide in dieselbe Person verliebt sind (auch dies wird sofort zur „plastischen Pointe“), die zeichnenden und malenden Tanten und Vettern, die fünf Großmütter, das Dorfidyll der elterlichen Liebe, das aus den Rosenbüschen rasch „auf den gepflasterten Weg der Ehe“ stößt.

Begeisterte Menschenfischerei – sagt Barlach einmal von einem anderen und charakterisier: damit sich selbst. Doch der bildnerische Blick ist nicht nur auf die menschliche Gestalt gerichtet. Die ganze Welt wird ihm zur „plastischen Wirklichkeit“. Barlach spricht von seiner Bereitschaft, nichts zu sehen als die „plastischen Werte“. Immer steht die Gestalt vor dem Wort. Die Visionen erzeugen Sprache – nicht umgekehrt. Die Phänomene fordern zur Abstraktion heraus und erlangen so ihre zweite, eine dichterische Sinnlichkeit. „Ich bekam die Elementarbücher des Geschehens um die Ohren geschlagen, daß mir der Kopf brummte.“ Oder: „Aber im Winter bekam der Teich seinen kalten Meister, und das Eis bot uns erlaubte Bahn,“ Das sind echte Barlach-Sätze. Oder wenn Seespecks Mißbehagen über die Entenjagd beschrieben wird: „Bei Hellwerden verschlang der Sumpf ihre Kräfte, und die Flinten bitten das große Wort. Seespeck war es, als ob die mächtigen Spiegelscheiben des Sommermorgens eine nach der andern eingeworfen würden...“

Die Metaphern stehen frei im Raum wie Bildwerke, es ist Luft dazwischen. Das gibt diesem Erzählen etwas großartig Abgerissenes und notwendig Fragmentarisches. Wie sein bildhauerisches Werk, so ist auch sein Erzählstil eine Abbildung jener „menschlichen Situation in ihrer Blöße zwischen Himmel und Erde“, um die es Barlach immer zu tun war.