Bonn, im April

Nur wenige Geheimnisse wurden in Bonn bisher so gut gehütet wie dieses. Deshalb gab es wohl auch noch nie eine solche Überraschung, ja Verblüffung in Bonn wie in diesem Falle. Als die Nachricht. durchsickerte, Dr. Adenauer sei der Kandidat der CDU für das Amt des Bundespräsidenten, wollte es keiner glauben. „Verspäteter Aprilscherz!“, „dummes Gerede!“ – so ungefähr lauteten die ersten Reaktionen auf diese Mitteilung.

Nur eine ganz kleine Gruppe von vier oder fünf Personen hatte an diesem feinen Draht seit einiger Zeit gesponnen. Selbst in den vordersten Reihen der CDU wußte man nichts davon. Bundestagspräsident Gerstenmaier bekannte freimütig: „Ich müßte aus meinem Herzen eine Mördergrube machen, wenn ich behaupten wollte, daß ich nicht überrascht gewesen sei, daß ich es auch nur kurz vorher geahnt hätte.“ Keiner konnte sich vorstellen, daß ein so aktiver, an Macht und Einfluß gewohnter Mann wie Adenauer bereit sein könnte, die Zügel aus der Hand zu geben und sich auf die beschaulichere Rolle des Ratgebers zu beschränken.

Jeder fragte nach den Motiven des Kanzlers. Und gerade darauf glaubte keiner eine überzeugende Antwort gefunden zu haben. Gerstenmaier wies vor der Presse auf die physischen und nervlichen Belastungen des Kanzleramtes hin. Vielleicht, so meinte er, glaube Dr. Adenauer, sich und seiner Arbeitskraft einen etwas pfleglicheren Umgang schuldig zu sein, als er ihn sich in den letzten, Jahren leisten konnte. Aber wer den Kanzler wie der Schreiber dieser Zeilen noch am Tage vorher nach einer anstrengenden Arbeitslast in einem etwa einstündigen Gespräch in seiner erstaunlichen Vitalität und Spannkraft beobachten konnte, ist nicht leicht bereit, jene Erwägung der Vorsicht gelten zu lassen.

Andere wieder, unter ihnen ausländische Korrespondenten, tüftelten sich eine politische Erklärung zusammen. Der Kanzler fühle vielleicht, meinten sie, daß er in der angespannten, unübersichtlichen internationalen Lage seine Konzeption doch nicht werde durchhalten können. Sie legten also seinen Entschluß als eine halbe Resignation aus. Keine Deutung ist wohl weiter von der Wirklichkeit entfernt als diese.

Die SPD „gratulierte“ der CDU/CSU zu ihrer Entscheidung. Sollte es ein ironisch gemeinter Glückwunsch gewesen sein? In jedem Wahlkampf hatte die SPD bisher keinen Namen so sehr zu fürchten wie den Konrad Adenauers. Dieser Alpdruck wird ihr nun genommen. Man darf es ihr also glauben, daß sie aufatmet. Erich Mende von den Freien Demokraten bezeichnete den Entschluß der CDU/CSU als eine „gute staatspolitische Entscheidung“. Im stillen begann wohl mancher bei der FDP alsbald nachzurechnen, wie unter den veränderten Umständen, die Chancen seiner Partei und vielleicht auch seine persönlichen Chancen im Hinblick auf neue Koalitionsmöglichkeiten und die notwendigen Veränderungen im Kabinett zu bewerten seien.

Und dann hörte man die folgende Überlegung. Sie ist in ihrer Argumentation wohl die überzeugendste. „Gewiß ist es für einen alten Mann, der so große Erfolge errungen hat, ein schwerer Entschluß“, so folgerte der Verfechter dieser Begründung, „in den Hintergrund zu treten: aber ist es unvorstellbar, daß er es um der Sache willen, die ihm so teuer geworden ist, tut? Als Bundespräsident mit solcher Autorität, mit diesem durch keinen Paragraphen zu bändigenden Einfluß, kann er auf den Lauf der Dinge und die Entschlüsse des ihm nachfolgenden Kanzlers, den er ja aussucht, richtungweisend einwirken. Und wenn er dann eines Tages nicht mehr da ist, wirkt dieser Einfluß fort. Mit seinem Weggang entsteht kein jäher Abbruch, sondern ein wohl vorbereiteter Übergang. In der stilleren Villa Hammerschmidt hat er mehr Zeit zum Nachdenken und mehr Ruhe. Dort könnte er also länger bleiben und die Dinge länger aus der Stille leiten.“