Von Theo Sommer

Die Mönche des Klosters zu Tawang steckten in aller Eile neue Kerzen auf und füllten die Butterlämpchen nach. Das ganze Dorf rüstete sich mit ihnen auf den Empfang des höchsten Besuchers, den das abgelegene Tal in Indiens nordwestlicher Grenzprovinz je gesehen hat und wohl je sehen wird: auf den Milden Ruhmreichen, den Sprach gewaltigen, den Ausgezeichneten Verstand, die Absolute Weisheit, den Bewahrer der Lehre.

All diese klingenden Titel sind dem Dalai Lama eigen, dem weltlichen Herrscher Tibets und geistlichen Oberhaupt der lamaistischen Sekte des Buddhismus, der am Sonntag in Tawang seinen Einzug hielt. Mitte März war er, um der drohenden Festsetzung durch die chinesischen Besatzungstruppen zu entgehen, mit kleinem Gefolge aus seiner Hauptstadt Lhasa geflohen. Als dort der Aufstand losbrach, befand er sich bereits auf dem beschwerlichen Wege nach Süden. Vierzehn Tage dauerte es, bis er sich an die indische Grenze durchgeschlagen hatte. Weitere vier Tage brachten ihn unbeschadet nach Tawang. Noch fast zehn Tagereisen durchs unwegsame Assam, eine kurze Wegstrecke mit einem indischen Armeehubschrauber oder Jeep, die letzte Reiseetappe im Flugzeug – dann erwartet den entkommenen Gottkönig ohne Thron das Exil. Wird es die letzte Station des Vierundzwanzigjährigen sein?

Er ist nicht der erste Dalai Lama, der vor den Chinesen flüchten mußte. Schon sein Vorgänger, die dreizehnte Verkörperung des Gottes der Barmherzigkeit Tschenresi, hatte 1910 in Indien Zuflucht gesucht, aber zwei Jahre später, nach dem Sturz der Mandschus in Peking, war er auf seinen Thron zurückgekehrt. Für den Rest seiner Regierungszeit – er starb 1933 – war das in innere Wirren verstrickte und vom ewigen Bürgerkrieg geschwächte China ein ungefährlicher Nachbar.

Heute ist das anders. Unter dem Zeichen von Hammer und Sichel hat sich der Koloß im Osten konsolidiert, und von ihm droht heutzutage nicht nur – wie ehedem schon – die Annexion, sondern auch die völlige Zerstörung jener religiösen Fundamente, die jahrhundertelang das Priesterkönigtum der Tibeter getragen haben.

Im Juni 1935, als jetzige Dalai Lama in einem ärmlichen Bauernhaus der chinesischen Provinz Tsinghai zur Welt kam, regierte in Peking noch Tschiang Kai-schek; nur über den Hügeln des benachbarten Kansu wehten die roten Fahnen. Doch schon zwei Jahre später, als tibetanische Mönche sich auf die Suche nach dem „neuen Körper“ begaben, mußte der Generalissimus angesichts der japanischen Invasion seinen Frieden mit den Kommunisten schließen. Immer spürbarer wurde danach, das Gewicht Mao Tsetungs. Vierzehn Jahre später gehörte ihm ganz Festlandchina – samt Tibet.

All dies lag freilich noch in ferner Zukunft, während die Suchgruppen der Mönche nach dem heiligen Kinde forschten, in dem die Seele des dreizehnten Dalai Lamas wiedergeboren war. Wunder und Zeichen wiesen ihnen den Weg. Hatte nicht der Verstorbene, der mit südlich gerichtetem Blick im Potala aufgebahrt saß, eines Nachts den Kopf nach Osten gewendet? Und hatte nicht der Regent in den prophetischen Wassern des Sees Tschö Khor Gye das Bild eines dreistöckigen Klosters mit goldenen Dächern erblickt, und daneben ein kleines chinesisches Bauernhaus mit schön geschnitzten Giebeln?