Auf Volkswagenwerk-Aktien warten?

Von der Möglichkeit, fünf Kleinaktien der Preussag zum Preise, von je 145 DM zu zeichnen, habe ich Gebrauch gemacht. Damit ist der größte Teil meiner Ersparnisse „verplant“. Nun kommen mir aber Zweifel, ob es richtig ist, das ganze Geld in Preussag-Aktien anzulegen. Da ich höre, daß es auch Volkswagenwerk-Aktien geben soll, wäre es mir lieber gewesen, ich hätte auf diese Papiere gewartet. Kann ich von meiner Zeichnung jetzt zurücktreten oder empfehlen Sie mir einen anderen Weg? B. C., Berlin

Antwort: Obgleich die Bundesregierung die Absicht hat, zu den 30 Mill. DM jungen Aktien (dividendenberechtigt ab 1. April 1959) noch 53 Mill. DM alte Preussag-Aktien aus dem Portefeuille der Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-AG zur Verfügung zu stellen und selbst nur einen Betrag von 22 Mill. DM Preussag-Aktien behalten will, können Sie nach Lage der Dinge kaum damit rechnen, daß Ihnen fünf Preussag-Aktien (alte und junge) zugeteilt werden, denn der endgültige Zeichnungsbetrag liegt über 100 Mill. DM. Mit den dem Bund verbleibenden Aktien soll „Kurtpflege“ getrieben werden. Sie werden nach der Börseneinführung in den Markt geschleust, wenn der Preussag-Kurs auf eine nach Ansicht der Bundesregierung ungerechtfertigte Höhe steigen sollte. Der Börseneinführungskurs wird nach Verlautbarungen aus dem Bundesschatzministerium bei etwa 160 v. H. liegen.

Die weitere Bearbeitung des Falles Preussag erfordert aber noch mehrere Wochen Zeit, selbst dann, wenn keine Schwierigkeiten aus dem politischen Bereich auftauchen sollten. Aber die Gegner einer Privatisierung des Bundesvermögens, soweit sie sich auf dem linken Flügel der CDU befinden, haben nach dem großen Erfolg der Preussag-Aktion kaum noch Widerhall.

Wenn Sie diesen Sachverhalt überdenken, dann sollten Sie eigentlich selbst zu dem Schluß kommen, an der Zeichnung der Preussag-Aktien festzuhalten. Nach Lage der Dinge können Sie damit rechnen, diese gegen einen kleinen Kursgewinn wieder verkaufen zu können, falls nicht unvorhersehbare Ereignisse eintreten. Mit einem Verkauf können Sie wahrscheinlich warten, bis die Volkswagenwerk-Aktien tatsächlich „zeichnungsreif“ sind. Sie wissen, daß die Privatisierung des Volkswagenwerks schon seit Jahren betrieben wird, ohne daß man auch nur einen Schritt vorangekommen ist. Eigentumsansprüche hat das Land Niedersachsen angemeldet. Sie werden zwar von der Bundesregierung nicht anerkannt, aber Niedersachsen wird es auf eine Klage bis in alle Instanzen ankommen lassen. Spricht irgendeine Stelle dem Land Niedersachsen einen Anteil am Volkswagenwerk zu, dann wird es ganz problematisch. Es gibt einflußreiche politische Persönlichkeiten in Niedersachsen, die eine Privatisierung des Werkes unter allen Umständen verhindern wollen. Der Ausgang der Landtagswahlen in Niedersachsen wird deshalb den Fortgang der Privatisierungsaktion nicht unbeeinflußt lassen.

Überdies haben Generaldirektor Prof. Dr. Nordhoff und die Belegschaft des Volkswagenwerks schon mehrere Male erkennen lassen, wie wenig sympathisch ihnen die „Volksaktienidee“ ist. Diese ablehnende Haltung ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Daß es Spannungen zwischen Wolfsburg und Bonn gibt, hat gerade jüngst der Streit über die Volkswagen-Anleihe gezeigt, die schon fest in den Terminplan der Banken eingeplant war, aber wieder abgesetzt werden mußte, weil der Bund auf einer zusätzlichen Sicherung bestand, auf die die Leitung des Volkswagenwerks unbedingt verzichten wollte – und in dieser Haltung offenbar von dem (verkürzten) Bankenkonsortium unterstützt wurde.

Berücksichtigen Sie diesen Tatbestand, der die Ausgabe von Volkswagenwerk-Aktien zur Zeit verhindert, dann ergibt sich für Sie folgende Möglichkeit: Sie nehmen die Ihnen zugeteilten Preussag-Aktien in voller Höhe. Sobald sich tatsächlich Volkswagenwerk-Aktien am Horizont abzeichnen, versuchen Sie die Preussag-Aktien mit Gewinn abzustoßen. Die Volkswagen-Aktien sollen ebenfalls mit einem „Sozialbonus“ aufgelegt werden. Mit dem gleichen Geld, mit dem Sie den Preussag-Bonus erhalten haben, können Sie den Volkswagen-Bonus noch einmal kassieren.