Eine wohltuende Ausnahme von dem weitverbreitenden Rezept der „kontinuierlichen Dividende“, das die Aktie mehr und mehr zu einem festverzinslichen Wertpapier werden läßt, macht in diesem Jahr die Handelsunion AG, Düsseldorf. „Wir würden uns nicht genieren“, so sagte das Vorstandsmitglied des Unternehmens, Hansgeorg Schedel, in einer Pressekonferenz über das Geschäftsjahr 1957/58, „in einem schlechten Jahr nur 6 v. H. Dividende zu zahlen“. Aber das Berichtsjahr war für dieses große Montan-Handelsunternehmen – dem neun Organgesellschaften aus dem Bereich der ehemaligen Vereinigten Stahlwerke angehören – erfolgreich. Die Aktionäre erhalten auf das Aktienkapital von 46 Mill. DM 12 (12) v. H. Dividende und einen Bonus von 2 v. H., also zusammen 14 Prozent! Diese Aufgliederung in 12 plus 2 dürfte vorwiegend aus optischen Gründen (oder aus Gründen der Pietät gegenüber den Stahlwerken, deren Erzeugnisse die Handelsunion verkauft) vorgenommen worden sein, weil eine 14°/oige Dividende beim Stahl vielleicht nicht ins Bild passen könnte!

Jedenfalls aber beweisen die veröffentlichten Zahlen, daß auch im Jahre der Stahlflaute der Handel sein Schäfchen ins trockene bringen konnte. Dabei ist es erfreulich, daß die Verwaltung im Gegensatz zu früheren Jahren nunmehr auch gewillt ist, den Erfolg an die Aktionäre weiterzugeben. Der Vorstand des Unternehmens legte besonderen Wert auf die Feststellung, daß das erwirtschaftete Ergebnis des letzten Jahres nunmehr voll an die Aktionäre ausgeschüttet werden wird. Zum Zeitpunkt der letzen Hauptversammlung befanden sich noch rund 20 v.H. des Grundkapitals in freiem Besitz. Großaktionäre der Handelsunion sind die Rheinischen Stahlwerke, Phoenix-Rheinrohr und die Thyssen AG für Beteiligungen.

Im Berichtsjahr ist auch die Handelsunion von dem für den Stahlmarkt in 1958 typischen Lagerabbauprozeß bei den Verbrauchern im Verein mit rückläufigen Exporten sowie einer krisenhaften Entwicklung auf dem Schrottmarkt betroffen gewesen. Der Umsatz dieser größten deutschen Eisenhandels-Gesellschaft ist von 2,3 auf 2 Mrd. DM zurückgegangen. Dabei konnte im Walzeisengeschäft auf dem deutschen Markt der Anteil noch annähernd gehalten werden, während das Unternehmen im Export eine leichte Schrumpfung hinnehmen mußte. Tonnenmäßig ist der Umsatz in Walzeisen einschließlich Stahlröhren im Vergleich zum Vorjahre nicht wesentlich zurückgegangen. Erhebliche Umsatzsteigerungen wurden beim Absatz von Eisenwaren, Installationsmaterial, sowie Heiz-, Koch- und Kühlgeräten erzielt. Größere Einbrüche dagegen hatte die Handelsunion bei Roheisen und Weißblech. Das besondere Sorgenkind des Geschäftsjahres 1957/58 aber war das Schrottgeschäft, das „zu beträchtlichen Verlusten geführt hat“.

Daß dennoch diese Gesellschaft von einem „durchaus zufriedenstellenden Gesamtergebnis“ berichten kann, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die Handelsunion stille Reserven auflösen konnte, die bereits in der letzten Hauptversammlung Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen zwischen Aktionären und der Verwaltung waren. Zu den Verlusten im Schrottgeschäft – die nach Schätzungen auf 12 Mill. DM beziffert werden – erklärt der Vorstand, daß sie „dank vorsorglich getroffener Maßnahmen im Rahmen des Gesamtunternehmens aufgefangen werden konnten“. Die Verwaltung der Handelsunion hat es nach eigenen Angaben für ihre Pflicht gehalten, in den besseren Jahren Teile des Gewinns zur Polsterbildung zu verwenden, um das „Aktionärsrisiko auf die Dividende zu beschränken“. Außerdem habe der Vorstand – wie erklärt wurde – die Entwicklung auf dem Schrottmarkt kommen sehen.

Die Erhöhung der Dividende für 1957/58 auf den bisherigen Spitzensatz in der Montanindustrie ist also nur im Vergleich mit dem Ergebnis des gleichen Jahres–für das 8 Mill. DM weniger Körperschaftsteuer zu zahlen waren – ein Widerspruch. Die Bilanzen der vergangenen Jahre haben die 14prozentige Ausschüttung in diesem Jahre mit rückläufigem Umsatz und „eingeengten Verdienstspannen“ glatt ermöglicht.

Für das neue Geschäftsjahr, das immerhin bereits zur Hälfte abgelaufen ist, könne keine begründbare Prognose gegeben werden, hieß es auf der Pressekonferenz. Die Lage auf dem Eisen- und Stahlmarkt sei „bei erheblichen Preisdifferenzierungen und einem weiterhin bestehenden Überangebot am Markte nach wie vor unübersichtlich“. Die Umsatzentwicklung ist in den ersten Monaten des Jahres 1958/59 bei den einzelnen Handelshäusern des Unternehmens weiterhin rückläufig gewesen. Jedoch ist der Auftragseingang im Monat März bereits erheblich besser als im Januar/Februar. Außerdem setzt die Gesellschaft große Hoffnungen darauf, daß die Vorräte bei der verarbeitenden Industrie in den letzten Monaten stark abgebaut sind. Nmn.