Die um das soziale Gewissen bemühten Kreise, wie die sogenannten Kathedersozialisten im „Verein für Socialpolitik“, der „Volksverein für das katholische Deutschland“ und der „Evangelischsoziale Kongreß“ erhoben ihre Stimmen. Gewerkschaften erkannten zunehmend die Chance, die sich ihnen hier bot, ein umfassendes System der sozialen Sicherung auszubauen – zuerst die versöhnlich Gestimmten, wie die christlichen Gewerkschaften und der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband (DHV); später auch die zuerst mißtrauischen freien Gewerkschaften. Die Leistungsfreudigkeit der gesetzlichen Krankenversicherung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Die Ausgaben schossen hoch wie Treibhauspflanzen. Als die gesetzliche Krankenversicherung ihr 50jähriges Jubiläum feierte, waren die Ausgaben für

Krankenhauspflege um das 40fache,

ärztliche Behandlung um das 26fache,

Arzneimittel um das 14fache

gestiegen. Die Söhne des alten Webers Paul Wilhelm Schulze durften noch erleben, daß die Kasse für ihre Frauen und Kinder fast so sorgte wie für sie selber. Sie kamen allerdings auch schon zu der Erkenntnis, daß es billiger war, sich bei einer Erkrankung auf Kosten der Kasse ein Röhrchen Tabletten zu besorgen, anstatt in der nächsten Drogerie für 30 Pfennig Hustentee zu holen.

Hustensaft und Salbe

Heute – im Jahre 1959 – ist das allgemeiner Brauch. Als um 12.50 Uhr Dr. Schmid den letzten, den zweiundvierzigsten Patienten entlassen hat, kann er an Hand seiner Kartei genau sagen: 31 davon – das sind rund 75 v. H. – waren Bagatellfälle. Es ging tatsächlich um Hustensaft und Salbe für den verbrannten Finger, um „Bitte drei Tage krankschreiben“ und „Mir tut der rechte Daumen weh“.