Die Geschichte der modernen Kunst ist in vielen Kapiteln auch eine Geschichte des Kunsthandels, die übrigens noch geschrieben werden müßte. Man munkelt zwar gern über die Machenschaften der Händler, die angeblich mit käuflichen Kritikern neue Kunstrichtungen lancieren, um ihre Schützlinge ins Geschäft zu bringen. Aber in Wirklichkeit sind die großen Händler mit ihrer feinen Witterung für Qualität und ihrem Mut zum Risiko eher glaubensstarke Propheten als gerissene Spekulanten.

Gewiß, sie wollen auch verkaufen, aber ihr persönliches Engagement geht meist über das einer bloßen geschäftlichen „Vertretung“ hinaus. Eine kleine Auswahl von Namen wie Vollard, Kahnweiler, J. B. Neumann, Cassirer, Flechtheim, Curt Valentin oder Ferdinand Möller genügt schon, um die glorreiche Schicksalsgemeinschaft von Künstlern und Händlern in unser Gedächtnis zu rufen.

Unter solchen Aspekten muß man auch die Max-Beckmann-Leidenschaft des Münchener Kunsthändlers Günther Franke würdigen. Franke war nicht nur der langjährige Händler des Malers, sondern auch sein früher und glühender Bewunderer. Er kaufte Beckmanns Bilder, um sie zu behalten. Er ist somit in zweifacher Weise mit dem Maler liiert, wobei der Sammler mit dem Händler konkurriert; denn es wäre zweifellos heute ein Kinderspiel, diese Meisterwerke Beckmanns mit hohem Gewinn zu verkaufen. Günther Franke hat es jedoch vorgezogen, seine Sammlung geschlossen zu erhalten. Er trennte sich bisher nur vom Perseus-Triptychon, das dem Essener Folkwangmuseum gestiftet wurde. Mit dem Erlös schuf er seiner Beckmann-Sammlung eine dauernde Heimstätte.

Günther Frankes Sammlung, die bis zum 3. Mai im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen ist, vereinigt als größte und bedeutendste ihrer Art: außer den 32 Ölgemälden noch 92 graphische Blätter, 10 Aquarelle und Zeichnungen und – als bemerkenswerte Seltenheit – auch eine Bronzeplastik. Damit erfaßt sie im wesentlichen sämtliche Entwicklungsphasen des Künstlers von der „Großen Sterbeszene“ des Jahres 1906 (mit ihrem Munchschen Pathos einer hoffnungslosen Trauer) bis zu den kraftvollen amerikanischen Kompositionen des Todesjahres 1950.

Vieles ist außerhalb des Hauses von Günther Franke noch nicht gezeigt worden, anderes zählt dagegen zu den bekannten Hauptwerken des Malers. Man sieht dort beispielsweise das schauerlich groteske Bild „Die Nacht“ aus den Revolutionsjahren 1918/19, ein Werk, in dem Qual und Ekel zur monumentalen Pose erstarrt sind, dann die Fastnachtbilder aus Frankfurt und Paris, die Bildnisse von Minna Beckmann-Tube und Quappi Beckmann, die Zigarren- und Champagnerstilleben, Berliner Stadtlandschaften und das berühmte „Selbstbildnis mit Plastik“.

Faszinierender aber als diese weltbekannten Bilder wirkten auf mich einige kleinere, selten gezeigte Kompositionen wie „Der Traum“ von 1927 mit den surrealistischen, an Max Ernst erinnernden Requisiten. Obwohl das Bild auch ein typischer Beckmann ist, verdeutlicht es die intensive Beschäftigung des Malers mit der Kunst seiner Zeitgenossen: Gleich ihnen hob er die Hülle der Rationalität ab, um das Innere von Mensch und Ding bloßzulegen.