Soweit in Westdeutschland von Spuren eines Antisemitismus gesprochen werden mag, kann sich dieses nach meiner Meinung nur auf Angehörige der älteren und mittleren Generation beziehen, auf ein résidu von „Unbelehrbaren“ aus der Zeit von vor 1945. Die junge Generation, wie sie mir seit Jahren in einer Universität von über 10 000 Studenten begegnet, ist nach meiner Erfahrung davon völlig frei. Mir ist gar nichts davon bekannt, daß „neuerdings Jugendliche an antisemitischen Vorgängen beteiligt sein sollen“. Wenn das aber wirklich geschehen sein sollte, so könnte es sich nur um ein gewisses Halbstarken-Rowdytum handeln, das heute bekanntlich in allen hochindustrialisierten Ländern gelegentlich in Erscheinung tritt und das in seinen Wurzeln ganz anders als antisemitisch zu begründen ist.

Unsere junge Generation in Westdeutschland, und vornehmlich ihr studentischer Teil, ist in der überwiegenden Mehrheit nüchtern und skeptisch; sie würde allen emotionalen Verführungen oder Verhetzungen ablehnend und kalt gegenüberstehen. Irgendwelche Anti-Gefühle gegenüber anderen Rassen sind überhaupt nicht sichtbar. Studenten etwa aus Asien und Afrika sind bei ihren deutschen Kommilitonen gern gesehen.

Die Mitglieder der deutschen Studentenschaft, welche politisch orientiert oder organisiert sind oder in der akademischen Selbstverwaltung wirken, sind äußerst empfindlich und wachsam gegenüber etwaigen Erscheinungen der Rassendiskriminierung. Als sich beispielsweise an der hiesigen Universität eine ausländische Studentenvereinigung bilden wollte und dabei der (vielleicht sogar falsche) Eindruck entstand, daß jene (wohlgemerkt: nichtdeutsche) Vereinigung antiisraelischen Charakter annehmen würde, erhob der Allgemeine Studentenausschuß sofort nachdrücklichst Einspruch gegen diese Gründung.

Weiter erzählte mir kürzlich ein Kollege aus Süddeutschland, er habe in seiner Universität nach einem Vortrag zu dem Thema „Antisemitismus“ mit seinen Hörern eine außerordentlich ernsthafte und ermutigende Diskussion gehabt, was meine Erfahrungen bestätigt. Einige Tage später habe er ein paar weniger schöne Zuschriften erhalten; diese seien unzweifelhaft, ihrem Inhalt und der Form nach, von Angehörigen der älteren und mittleren Generation „aus der Stadt“, nicht da gegen aus Kreisen der Jugend gekommen.

Ich glaube, daß diese Beispiele für sich sprechen.

Professor Karl Schiller

Prorektor der Universität Hamburg