Vor die Antwort auf diese Frage hat unsere Geschichte die Scham gestellt. Ist es möglich, daß es Antisemiten in einem Volke gibt, aus dessen Vergangenheit die Namen Auschwitz, Maidanek und die der zahllosen anderen Orte des Schreckens und der Vernichtung nicht getilgt werden können?

Sind also die Deutschen, ist eine ins Gewicht fallende Zahl von ihnen antisemitisch? Sie sind es nicht. Sie haben ihre Vergangenheit gewiß nicht bewältigt. Aber da sie sie nicht bewältigen und damit nicht mit ihr leben können, haben sie vorgezogen, sie zu vergessen. Der Aufbau des vergangenen Jahrzehnts zwang zu einem System von Konventionen, in dem der Antisemitismus keinen Platz hatte. Es gibt Zinds und es gibt Nielands. Die Mehrzahl der Deutschen aber wüßte nicht, warum sie antisemitisch sein sollte.

Wenn die Deutschen keine Antisemiten sind, bleibt die Frage, ob sie es wieder werden könnten. Sie wird gestellt unter der Voraussetzung, daß unsere Lebensumstände nicht durch einen Zusammenbruch unseres gesellschaftlichen Systems erschüttert werden. Niemand vermag zu sagen, was geschieht, wenn eine Krise – vergleichbar der der ausgehenden zwanziger Jahre – alle Maßstäbe erschüttert. Die Frage muß gestellt werden in Hinsicht auf die Generation, für die die Namen Auschwitz und Maidanek nichts mehr mit ihrem bewußten Leben zu tun haben. Besteht die Gefahr, daß bei jungen Menschen, die nichts zu vergessen brauchen, weil sie nichts zu vergessen haben, das Gift des Rassenhasses wieder virulent werden könnte?

Es gibt jugendliche Antisemiten. Wie groß ihre Zahl ist, kann schwer abgeschätzt werden. Sie sind die Kinder einer Generation, die am stärksten in das verbrecherische System des Nationalsozialismus verflochten war. Sie stellen die Frage nach der Haltung ihrer Eltern in der Vergangenheit, und sie werden keine befriedigende Antwort bekommen können. Sie sehen nicht ein, warum Vergessen und Verdrängen von ihnen akzeptiert werden sollte. Sie versuchen, sich mit dem Schicksal ihrer Eltern zu identifizieren und bringen ihre Eltern und Lehrer dazu, sich gleichfalls mit ihrer Vergangenheit zu identifizieren. Die Fälle mögen nicht sonderlich zahlreich sein. Aber es gibt sie, und Eltern und Lehrer, die nicht den Weg des Vergessens und Verdrängens gegangen sind, wissen mit Beklemmung davon zu berichten.

Der Ring schließt sich. Die Deutschen sind keine Antisemiten, weil sie es vorgezogen haben, ihre Vergangenheit zu streichen. So sind sie hilflos vor der Generation, die keine Veranlassung hat, vor Scham zu verstummen. Die Gefahr des Antisemitismus wird erst gebannt werden, wenn die, die Veranlassung haben, aus Scham zu vergessen, nicht verhehlen, daß sie Antisemiten waren, und nicht verhehlen, daß sie damit dem Verbrechen Vorschub geleistet haben.

Ulrich Gembardt

Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft

für Auswärtige Politik, Frankfurt / Main