Größte Auslandanleihe seit Kriegsende

Mit der schrittweisen Angleichung des deutschen Zinsniveaus an das der anderen Staaten mit einem normal funktionierenden Kapitalmarkt wächst die Neigung ausländischer Interessenten, sich in D-Mark zu verschulden. Sie treten in Wettbewerb mit den deutschen Emittenten und verlangsamen damit das Tempo der von der Bundesbank angestrebten weiteren Zinssenkung. Das mag für die deutschen Anlagenehmer bedauerlich sein, aber auf der anderen Seite ermöglicht das Erscheinen der Ausländer den deutschen Investoren, ihre Anlagen weiter zu streuen und damit das Risiko zu vermindern. Außerdem trägt der Abfluß der D-Mark ins Ausland dazu bei, unsere immer noch kopflastige Devisenbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Lösung dieses Problems hat in den Augen der Bundesbank Vorrang vor dem Bemühen, den Zins noch weiter zu drücken.

Die größte Auslandanleihe nach dem Kriege in der Bundesrepublik ist in dieser Woche aufgelegt und auch sofort gezeichnet worden. Es handelt sich um eine 200-Mill.-DM-Anleihe der Weltbank mit einem Zinssatz von 5 v. H., Laufzeit längstens 15 Jahre, Ausgabekurs 100 v. H. Um den Zinssatz ist in Washington hart gerungen worden, denn die in diesem Jahre von der Weltbank aufgelegten Emissionen in den USA (4 1/2 v. H.) und in der Schweiz (4 v. H.) konnten erheblich billiger placiert werden, und es besteht kein Zweifel, daß beide Länder zu den gleichen Bedingungen auch noch die jetzt aus der Bundesrepublik stammenden 200 Mill. DM auf dem Anleihewege zur Verfügung gestellt hätten. Der Zinssatz von 5 v. H. bei einem Pari-Ausgabekurs ist aber zur Zeit das äußerste, was man dem deutschen Kapitalgeber zumuten zu können glaubte. Diesem Argument hat sich die Weltbank nicht verschließen können.

Der Weltbank kommt es mit dieser Emission darauf an, sich den deutschen Kapitalmarkt zu erschließen. Darauf sind auch alle mit der Anleihe zusammenhängenden Formalitäten abgestellt. Die Deutsche Bank hat unter Mitführung der Dresdner Bank und Einschluß vieler Privatbanken das größte Bankenkonsortium zusammengestellt, das jemals nach dem Kriege tätig geworden ist. Die Anleihe wird an allen deutschen Börsen, also auch in Berlin, notiert werden. Im übrigen handelt es sich um die größte Emission der Weltbank, die bisher außerhalb des Dollarraums aufgelegt worden ist.

Für die Anleihe besteht ein lebhaftes Interesse ausländischer Kapitalgeber, hauptsächlich von Schweizer Seite. Dorthin ist auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Anleihe geflossen. Ebenso wie das deutsche Privatkapital, so ziehen es auch die ausländischen Kapitalgeber vor, ihre Investitionen in Entwicklungsländern (dorthin fließen die Anleihegelder) durch Zwischenschaltung der Weltbank zu tätigen. Einmal bedeutet das eine wirksame Verminderung des in Entwicklungsländern nun einmal beträchtlichen Risikos – weil die Weltbank sowohl über kräftige „Warnungsmöglichkeiten“ im Falle in Rückstand geratener Rück- und Tilgungszahlen verfügt als auch als Sicherheit ihre Garantiefonds anzubieten hat –, und zweitens sind die Stücke der Weltbankanleihen fundierter als es Direktemissionen der Entwicklungsländer sein können.

Wenn man die Liste jener Länder durchsieht, die Weltbankdarlehen in Anspruch genommen haben, dann findet man in der Gruppe Europa zwölf Staaten aufgeführt, darunter aber nicht Deutschland. Dennoch ist die Bundesrepublik bislang einer der Hauptnutznießer der Weltbanktätigkeit gewesen. Nach den Angaben, die der „Sprecher“ der Deutschen Bank, Hermann J. Abs, auf einer Pressekonferenz machte, ist der deutschen Wirtschaft ein Auftragsvolumen von ungefähr 1 Mrd. Dollar zugeflossen, das direkt oder indirekt mit Weltbankmitteln bezahlt worden ist.

Wenn man bedenkt, daß insgesamt etwa 3,2 Mrd. Dollar überhaupt nur von der Weltbank ausgezahlt wurden, dann erhält man eine Vorstellung davon, was die bisher zehnjährige Tätigkeit der Weltbank für die Bundesrepublik bedeutet. Auch von der neuen Anleihe wird ein Teil wieder der deutschen Kapitalgüterindustrie zufließen und ihre Konjunktur befruchten, ein Umstand, der von der Börse bereits zum Anlaß genommen wurde, den Aktien der in Frage kommenden Gesellschaften Aufmerksamkeit zu schenken. Kurt Wendt