Die Edelstahlindustrie steht wieder – im Gegensatz zu den Massenstahlwerken – auf der Sonnenseite der Konjunktur, erklärte der Vorstandsvorsitzer der Gußstahlwerke Witten AG, Rudolf Kögl, als er in diesen Tagen den erheblich freundlicher gewordenen Jahresabschluß über das Geschäftsjahr 1957/58 (30.9.) erläuterte. Bereits das Berichtsjahr hat diesem Unternehmen bei fast gleichgebliebenem Umsatz- und Produktionsvolumen eine spürbar verbesserte Ertragslage beschert, und in den letzten Monaten, besonders seit Februar/März, habe das Edelstahlgeschäft fühlbar angezogen, so daß sich auch Gußstahl Witten in zunehmendem Maße von der Marktflaute, die in dieser Branche fast schon ihren Abschluß fand, als sie für die Massenstahlindustrie begann, erholt. Die Verwaltung sieht daher auch der zweiten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres mit fröhlicher Zuversicht entgegen. Bei einem Auftragsbestand für zwei bis drei Monate ist der Beschäftigungsgrad der Betriebe als gut zu bezeichnen.

Die Nachfrage nach Edelstählen verlief zwar, wie die Verwaltung betont, nicht gleichmäßig. Aber während des ganzen Berichtsjahres 1957/58 waren die Betriebe ausreichend beschäftigt. Das Unternehmen hat sich offenbar gut auf dem Käufermarkt zurechtgefunden, der im In- und Ausland wieder das Geschäft in Edelstählen bestimmt. Zwar bedauert die Verwaltung die im Zuge der Entwicklung liegenden kurzfristigen Dispositionen der Verbraucher, die u. a. eine verstärkte Lagerhaltung erfordern; aber die Investitionen der vergangenen Jahre haben es, wie es im Geschäftsbericht heißt, dem Unternehmen ermöglicht, die „zeitbedingten Lieferwünsche der Kundschaft“ zu erfüllen. Der Marktanteil auf der Edelstahlseite ist mit etwa 16 v. H. der westdeutschen Erzeugung ungefähr der gleiche gewesen wie im Vorjahr. Auch der Umsatz ist mit 220 (225) Millionen DM nahezu unverändert geblieben gegenüber 1956/57. In der Struktur des Umsatzes ergab sich durch den Rückgang des Auslandsgeschäftes eine leichte Verlagerung zum Inlandsmarkt; der Exportanteil ist auf 38 (44) Mill. DM, das sind 17 (20) v. H. des Umsatzes, gesunken.

Guß Witten gehört zu den wenigen Montan-Unternehmen, die sich freimütig zu ihrem verbesserten Geschäftsergebnis bekennen. Allerdings kommt den Aktionären der Gesellschaft die günstige Ertragslage des Geschäftsjahres 1957/58 nur in Grenzen zugute. Gußstahl wird auf das Aktienkapital von 20,7 Mill. DM eine Dividende von 9 (8) v. H. aus einem Reingewinn von 1,86 (1,65) Millionen DM ausschütten. Mit diesem Satz habe man, so erklärte Vorstandsvorsitzer Kögl, einen goldenen Mittelweg gewählt. Es sei dabei einmal die wenig günstige Lage der Stahlindustrie im allgemeinen bedacht worden, zum anderen aber sei vor allem berücksichtigt worden, daß die 8prozentige Dividende des Vorjahres zu hoch für das seinerzeitige Geschäftsergebnis gewesen sei.

Die Investitionen des Berichtsjahres waren gering. Das Anlagevermögen hat sich nur leicht erhöht, und zwar von 129,3 auf 131,8 Mill. DM. Wie der Vorstand hierzu erklärt, können die Investitionen bei Gußstahl Witten auch in Zukunft niedrig gehalten werden, da das technische Investierungsprogramm durchgeführt sei. Im laufenden Jahr sollen etwa 5 bis 6 Millionen DM für eine „schwerpunktmäßige Ergänzung“ der Anlagen aufgewendet werden. Mit den noch aufzuwendenden Mitteln für die Rennanlage Rhein-Ruhr wird das Unternehmen im laufenden Jahr aber immerhin etwa 10 Mill. DM investieren.

Wer sich außer den beiden bekannten Großaktionären bei der Gußstahlwerk Witten AG – Rheinstahl und das Münchener Bankhaus Merck, Finck & Co. – als, vielleicht vorübergehend, Dritter im Bunde zugesellt hat, ist nach wie vor in börsenmystisches Dunkel gehüllt. Nmn.