Hannover, im April

Ein Fernsehgerät, eine Musiktruhe, ein Photoapparat und andere schöne Dinge winken denen, die ein staatspolitisches Preisausschreiben der Niedersächsischen Landeszentrale für Heimatdienst zu lösen wissen. Das Ausschreiben, trägt recht frei nach Wilhelm Busch den Titel „Bürger werden ist nicht schwer – Bürger sein dagegen sehr.“

Da wird nun etwa gefragt: „Wer ist Josip Brosz – a) Räuberhauptmann in Albanien, b) Geburtsname Titos, c) ungarischer Freiheitskämpfer?“ Oder es werden fünf prominente Landespolitiker beschrieben, von denen der Rätselfreund sagen soll, welchen Familiennamen sie führen. Etwa so: „Dieser Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war seit Entstehung des Landes Niedersachsen bis 1955 Ministerpräsident des Landes und ist seit 1957 Minister des Innern.“

In den Bedingungen des staatspolitischen Preisausschreibens heißt es: „Die Ermittlung der Preisträger erfolgt unter der Aufsicht des Herrn Niedersächsischen Justizministers, die Verteilung der ersten zehn Preise nimmt der Herr Niedersächsische Ministerpräsident in Hannover vor. Senden Sie bitte Ihre Lösung bis zum 18. April 1959 an die Niedersächsische Landeszentrale für Heimatdienst...“

Bis zum 18. April 1959... Am 19. April 1959 wählt Niedersachsens Bevölkerung den neuen Landtag. Der Wahlkampf müßte gegenwärtig auf dem Höhepunkt sein. Aber den Höhepunkt sucht man vergeblich. Es ist ein Wahlkampf der „weichen Welle“. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Parteien keine Gegensätze, keine Meinungsverschiedenheiten hätten.

Es gibt deren genug, auf außen-, auf bundes- und auf landespolitischem Gebiet. Doch werden sie in dem Land zwischen Zonengrenze und Nordsee sozusagen nur piano ausgetragen. Und ein wenig simpel geht’s dabei auch zu.

Da wirbt die Sozialdemokratische Partei – in der letzten Landtagswahl 1955 mit 35,2 Stimmen-Prozenten die Siegerin – mit dem Plakat: „Kopf und Brandt – Hand in Hand“ Und die CDU kontert mit: „Schafft Klarheit – wählt CDU.“ Aus den Lautsprecherwagen der Partei tönt die Parole: „Weiter mit Adenauer!“ – wo doch Adenauer nirgends für den Niedersächsischen Landtag kandidiert, genausowenig wie Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt.