Der alte Paul Wilhelm Schulze, Großvater des Karosserie-Arbeiters Wilhelm Schulze, wäre allerdings vor achtzig Jahren noch sehr glücklich gewesen, wenn er auf Kosten einer Krankenkasse auch nur das einfachste Medikament bekommen hätte. Der Weber Schulze mußte damals noch die sauer verdienten Groschen dem Arzt und dem Apotheker in bar auf den Tisch legen, wenn er Rat oder Medizin haben wollte.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es zwar viele Arme, aber keine Sozialversicherung. Zwar gab es in jener Zeit einige Tausend kleiner und kleinster Krankenunterstützungsvereine und Hilfskassen, in die man freiwillig eintreten konnte. Die meisten von ihnen hatten auch nur die Aufgabe, den Lohnausfall bei Arbeitsunfähigkeit einigermaßen auszugleichen. Die Mitgliederzahlen waren relativ gering. Man war damals nicht krank und hatte keine Zeit zum Kranksein. Die Löhne der Arbeiter langten nur zu einem mehr als kargen Leben. Für Unterstützungskassen war kein Geld übrig. Kam es wirklich mal zu einer ernsthafteren Krankheit, so bedeutete das ein großes Unglück, und eine simple Lungenentzündung konnte eine ganze Familie für lange Zeit in tiefe Not stürzen. Lag der Ernährer im Krankenbett, so mußten sich Frau und Kinder nicht nur durch die arbeitslosen und damit einkommenslosen Wochen hungern, sondern auch noch Arzt und Medikamente bezahlen. Gar mancher Arzt hat damals solche Leute nicht nur kostenlos behandelt, sondern bei der Visite auch noch ein paar Groschen für Medikament und eine Wochenration Steckrüben auf den Tisch gelegt.

Es war die Zeit, in der es noch ein Proletariat gab. Während der eine Teil der Arbeiter in Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen dahinlebte, warteten die anderen auf die große Revolution und die neue, glückliche Zeit der Arbeiterklasse. Und viele warteten nicht nur, sondern sie arbeiteten mit stummer Wut und zäher Verbissenheit darauf hin. An diese gefährliche Entwicklung dachte Bismarck, als er sich, ein Feind der Sozialdemokraten, aber ein kluger Politiker, daran machte, die Arbeiter mit der herrschenden, verhaßten Ordnung auszusöhnen. Der Staat entdeckte die Sozialpolitik. Am 17. November 1881 verkündete Kaiser Wilhelm I. dem Deutschen Reichstag:

„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen, thun kund und fügen hiermit zu wissen: ... Schon im Februar dieses Jahres haben Wir Unsere Überzeugung aussprechen lassen, daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression socialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig mit dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde...

In diesem Sinne wird zunächst der von den verbündeten Regierungen in der vorigen Session vorgelegte Entwurf eines Gesetzes über die Versicherung der Arbeiter gegen Betriebsunfälle mit Rücksicht auf die im Reichstage stattgehabten Verhandlungen über denselben einer Umarbeitung unterzogen, um die erneute Beratung desselben vorzubereiten. Ergänzend wird ihm eine Vorlage zur Seite treten, welche sich eine gleichmäßige Organisation des gewerblichen Krankenkasserttvesens zur Aufgabe stellt.“

Die Reaktion der Arbeiterschaft war unterschiedlich. Im allgemeinen war sie nicht sonderlich beeindruckt. Auch die gemäßigten Sozialisten waren mißtrauisch. Der Groll über das „Sozialistengesetz“, mit dem Bismarck sie von der politischen Bühne verwiesen hatte, ließ sie die lautere Absicht des Eisernen Kanzlers bezweifeln. Die radikalen Sozialisten lehnten das Gesetz ganz ab, denn es stand im Widerspruch zum Kommunistischen Manifest: Es würde die Verelendung hinausschieben und somit die Kampfkraft der Klasse lähmen.

Im Zuge dieser neuen Sozialpolitik wurde am 15. Juni 1883 das„Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“ verabschiedet. Die Arbeiter wurden versicherungspflichtig und mußten Zwangskassen beitreten. Das Gesetz, für grobe Notfälle erdacht, hatte jedoch viele Lücken. Lungenentzündung bedeutete zwar nicht mehr in jedem Fall Not und Elend auf Monate hinaus, denn die Kassen zahlten ein regelmäßiges Krankengeld; aber der Gewährung von Krankenpflege sowie der Sorge für erkrankte Familienangehörige waren noch enge Grenzen gesetzt.