Bitte erlauben Sie einer ehemaligen Mitarbeiterin Carl von Ossietzkys ein paar Ergänzungen zu dem in Ihrer Beilage veröffentlichten Beitrag von Alfred Kantorowicz über die „Erlebnisse“ des Autors mit Carl von Ossietzkys Vermächtnis.

Alfred Kantorowicz beschreibt uns sein Entsetzen über die Intrigen der Pankower Literaturfunktionäre, die der Ulbricht-Clique angehören und zwei „unabhängige Geister“ – den reinen Toten Alfred Kantorowicz und den braven, arglosen Max Schröder – seit 1948 mit ganz verschlagenen, fadenscheinigen Ausreden systematisch gehindert hätten, „Carl von Ossietzkys geistiges Vermächtnis rein und unverbrüchlich zu überliefern“.

Aus dieser Darstellung geht leider nicht hervor, daß der kommunistische Mißbrauch des Ossietzky-Vermächtnisses und die kommunistische Umfälschung der politischen und publizistischen Rolle Carl von Ossietzkys schon viel älter sind als das Regime in Pankow. Der Mißbrauch und die Fälschungen begannen unter Mitwirkung von Alfred Kantorowicz bereits vor rund fünfundzwanzig Jahren – sehr bald nach Ossietzkys Verhaftung vom 28. Februar 1933, und ich habe beides miterlebt, seit ich im November 1933 von Berlin nach Paris emigriert war.

Während Ossietzky im Konzentrationslager war, haben kommunistische Funktionäre in Paris, Prag und London – genauso wie heute in Pankow – „auf der Wacht“ gestanden und ihren riesigen Apparat dafür eingespannt, daß von und über Ossietzky „nur das bekannt werden durfte, was für sie propagandistisch ausnutzbar war“.

Das wichtigste Kapitel aus Ossietzkys publizistischer Vergangenheit mußte im Dienste der kommunistischen Propaganda umgefälscht werden, weil die wahre Geschichte seiner „cause célèbre“ – der berühmte Landesverratsprozeß und die Gefängnishaft während der Weimarer Republik – dem sowjetrussischen Prestige schaden mußte. (Ossietzky hatte in der „Weltbühne“ nicht nur illegale deutsche Rüstungsbestrebungen angegriffen, sondern gleichzeitig enthüllt, daß sowjetrussische Instanzen die tatkräftigsten Helfer der geheimen deutschen Aufrüstung – besonders der Luftrüstung – gewesen waren.) Alfred Kantorowicz hat sich geschickt und fleißig an der Aufgabe beteiligt, diese unbequeme Seite des „Falles“ Ossietzky zu vertuschen.

Alfred Kantorowicz hat in Gemeinschaft mit seinen im „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ (Paris) organisierten Kollegen und Parteifreunden genau das gleiche getan, was er jetzt den Funktionären des Pankower Regimes, Albert Norden und H. W. Leonhard, vorwirft – in Übereinstimmung mit den „Machenschaften des kommunistischen Parteiapparates“ dazu beigetragen, daß „der echte Nonkonformismus“ (Ossietzkys) „kein Beispiel werden durfte“.

Die rücksichtslosesten Propagandalügen, mit denen der kommunistische Parteiapparat Ossietzkys Gefangenenschicksal jahrelang mißbrauchte, gehörten allerdings nicht zum unmittelbaren Aufgabenbereich von Alfred Kantorowicz; er hat über diesen Mißbrauch, der lebensgefährlich für Ossietzky war, mit seinem linientreuen Verhalten unterstützt.